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Es war ein Abend, an dem die 37.179 Zuschauer im Merseburger Stadion alle Emotionen durchlebten, die der Fußball zu bieten hat: Frust, Wut, Hoffnung - und am Ende sogar ein bisschen Stolz. VfB Merseburg und der 1. FC Eschborn trennten sich in einem wilden, manchmal chaotischen, aber stets unterhaltsamen Spiel mit 2:2. Und wer zur Pause schon Richtung Parkplatz schielte, bereute es bitterlich. Dabei hatte es so gar nicht nach einem Happy End für die Gastgeber ausgesehen. Schon nach 35 Minuten lagen sie 0:2 hinten - und das völlig verdient. Eduardo de la Fuente eröffnete in der 26. Minute den Torreigen, als er einen klugen Pass von Joel Duff im Strafraum eiskalt versenkte. Neun Minuten später legte William Kavanagh nach, nach einem präzisen Zuspiel von Rechtsverteidiger Meik John. Der irische Mittelstürmer grinste danach: "Ich hab nur den Fuß hingehalten. Wenn ich ehrlich bin, war das mehr Glück als Können." Trainer Yas Sin vom 1. FC Eschborn stand derweil mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und nickte zufrieden. "Wir haben das Zentrum kontrolliert, genau wie wir es wollten. Die Jungs haben Mut gezeigt", sagte er später. Seine Offensive spielte fast schon respektlos direkt durch die Mitte - aggressiv, mutig, mit langen Pässen und null Angst vor Ballverlusten. Merseburg dagegen wirkte in der ersten Halbzeit wie ein Boxer, der zwar austeilt, aber ständig die Deckung vergisst. Doch nach dem Seitenwechsel wurde alles anders. Dieter Bergmann, der erfahrene Coach der Merseburger, muss in der Kabine die richtige Mischung aus Donnerwetter und väterlicher Umarmung gefunden haben. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon untergeht, dann wenigstens mit Stil und Dreck an den Knien", schmunzelte er später. Und plötzlich spielte Merseburg, als hätte jemand den Stecker wieder reingesteckt. Marian Iliew brachte die Hausherren in der 53. Minute zurück ins Spiel - mit einem satten Linksschuss nach Vorarbeit von Innenverteidiger Cristobal Veloso. Der Treffer war ein Weckruf. Die Fans, bis dahin zwischen Selbstmitleid und Biernachschub pendelnd, erwachten zu neuem Leben. 13 Minuten später war das Stadion ein Tollhaus. Stille Scranton, der bullige Mittelstürmer mit dem sanften Vornamen, köpfte nach einem Freistoß von Pau Celis zum 2:2 ein. Scranton rannte jubelnd zur Trainerbank und brüllte: "Ich hab’s euch doch gesagt!" - und Bergmann nickte mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung pendelte. Eschborn versuchte zwar, das Spiel wieder an sich zu reißen, doch der Schwung war dahin. Die Gäste hatten mit zunehmender Spielzeit mehr Probleme, das Tempo zu halten. Der Ballbesitz lag am Ende mit 51:49 knapp auf ihrer Seite, aber Merseburg hatte mit 15 zu 6 Torschüssen deutlich mehr Zielstrebigkeit gezeigt. Dass es nicht zum Sieg reichte, lag vor allem an Gästekeeper Logan Cochran, der in der Schlussphase gleich dreimal sensationell parierte - einmal sogar mit der Brust, nachdem er laut eigener Aussage "eigentlich schon auf dem Weg in die andere Ecke" war. Emotionen gab’s auch neben dem Ball: Der Eschborner Routinier Wilhelm Holz sah in der 64. Minute Gelb, nachdem er Joel Harrington umgepflügt hatte - "reine Physik", meinte er später mit einem Augenzwinkern. Und Merseburgs Rafet Karaer ließ sich in der 72. Minute ebenfalls notieren, nachdem er den gegnerischen Flügelspieler kurzerhand an der Eckfahne abräumte. Am Ende blieb es beim 2:2, das für beide Seiten etwas Symbolisches hatte. Merseburg zeigte Moral und Leidenschaft, Eschborn verschenkte eine komfortable Führung. "Wir haben in der zweiten Hälfte aufgehört, mutig zu sein", ärgerte sich Yas Sin. Bergmann dagegen fasste es trocken zusammen: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und wenigstens haben wir diesmal keine Ausreden gebraucht." Auf der Pressekonferenz danach herrschte fast schon feierliche Stimmung. Ein Journalist fragte Scranton, ob er lieber den Sieg oder das Selfie mit den Fans am Zaun nehme. Der Stürmer grinste: "Das Selfie. Das bleibt länger hängen." So endete ein Spiel, das aus statistischer Sicht ausgeglichen war, aber aus emotionaler Perspektive eindeutig Merseburg gehörte. Die Fans feierten ihre Mannschaft, als hätte sie gerade die Meisterschaft gewonnen - und vielleicht war dieser Punkt am 34. Spieltag tatsächlich ihr kleiner Titel. Oder, wie es ein älterer Anhänger beim Verlassen des Stadions formulierte: "Früher hätten wir das Ding 0:4 verloren. Heute holen wir 2:2. Fortschritt, mein Junge." Und manchmal ist Fortschritt eben das schönste Ergebnis von allen. 25.04.643990 14:43 |
Sprücheklopfer
Da kennen sie unseren Klub aber schlecht. Bei uns kehrt niemals Ruhe ein, denn es gibt nur oben oder unten. Und wenn man unten liegt, wird bei uns noch draufgetreten.
Toni Polster auf die Frage, ob nach einem 5:3 gegen Wolfsburg beim 1. FC Köln endlich Ruhe eintritt