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Ein warmer Maiabend, Flutlicht, 36.522 Zuschauer im Merseburger Stadion - und ein Spiel, das für Herzpatienten eher ungeeignet war. Der VfB Merseburg gewann am 10. Spieltag der 1. Liga Deutschland mit 4:3 gegen den 1. FC Eschborn, und wer dabei war, wird noch lange davon erzählen. Schon in der elften Minute begann das Spektakel. Joel Harrington, Merseburgs quirliger Linksaußen, setzte sich nach einem feinen Zuspiel von Marko Dudic durch und netzte eiskalt ein. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du zu viel nachdenkst, geht der Ball sowieso auf den Parkplatz", grinste der Doppeltorschütze später. Doch Eschborn war in dieser Phase alles andere als beeindruckt. Gerade mal sieben Minuten später schickte Innenverteidiger Nael Goncalves einen steilen Pass auf Patrick Herrmann, der die Merseburger Abwehr wie ein Hütchenspieler aussehen ließ und zum 1:1 vollendete. Trainer Yas Sin brüllte da bereits: "Weiter, Männer, das ist unsere Partie!" - ein Satz, der nur kurz Bestand haben sollte. Denn in der 34. Minute schlug Harrington erneut zu, diesmal nach einer Flanke von Innenverteidiger Tal Zorea. 2:1 für Merseburg, das Stadion bebte. "Wir wollten über die Flügel kommen, das war der Plan", erklärte Trainer Dieter Bergmann später mit einem Anflug von Stolz - und vielleicht etwas Erleichterung. Doch wer dachte, die erste Halbzeit würde ruhig auslaufen, wurde eines Besseren belehrt. In der 39. Minute schlenzte Eschborns Routinier Bernt Geier den Ball aus 20 Metern ins Eck, nach schöner Vorarbeit von Jan Sestak. 2:2 - Halbzeitstand. Die Statistik zur Pause: 6:6 Torschüsse, 53 Prozent Ballbesitz für den VfB. Es war ein Duell auf Augenhöhe, gewürzt mit der Prise Wahnsinn, die man im modernen Fußball so liebt - außer man steht in der Coaching-Zone. Nach dem Seitenwechsel ging es weiter wie im Actionfilm. In der 55. Minute brachte Eschborns Mittelstürmer Fernando Antonio die Gäste erstmals in Führung, nach einem präzisen Zuspiel von Geier. "Ich dachte, das ist das 3:2 und wir haben sie", sagte Antonio später. Dachte er. Denn Merseburg antwortete postwendend: Nur eine Minute später traf der gerade eingewechselte Brandon Benett zum 3:3, nach Vorlage von Amaury Brito. Ein Doppelschlag, der die Eschborner Defensive kurzzeitig in eine Selbstfindungskrise stürzte. In der 64. Minute dann der endgültige Bruch: Marko Dudic, bisher als Vorlagengeber aufgefallen, zog einfach mal selbst ab - und der Ball zappelte im Netz. 4:3. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Dudic lachend zu. "Aber ehrlich, so ein Tor nimmt man mit Kusshand." Danach wurde das Spiel ruppiger. In der 54. Minute hatte Merseburgs Rechtsverteidiger Albert Van Cortlandt bereits Gelb gesehen, später folgte Zbynek Licka (83.). Und als Eschborns Werner Ledig in der 85. Minute für ein rustikales Einsteigen glatt Rot sah, war das Drama komplett. Trainer Yas Sin sah es mit Galgenhumor: "Er wollte wohl zeigen, dass er noch Energie hat." Die letzten Minuten waren ein einziger Nervenkrieg. Merseburg verteidigte mit allem, was noch laufen konnte - inklusive des eingewechselten Teenagers Fernando de Torre, der in der Nachspielzeit fast noch das 5:3 gemacht hätte. "Der Junge hat keine Angst, das gefällt mir", lobte Coach Bergmann. Am Ende stand ein 4:3, das nicht nur drei Punkte brachte, sondern auch Stoff für Legendenabende. "So was kannst du nicht trainieren", sagte Bergmann beim Abpfiff, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. "Das ist einfach Fußball, pur und verrückt." Eschborns Trainer Yas Sin hingegen wirkte gefasst, fast schon philosophisch: "Wenn du drei Tore auswärts machst und trotzdem verlierst, weißt du, dass der Fußball heute nicht dein Freund war." Die Zuschauer gingen glücklich, erschöpft, heiser - und wohl auch ein bisschen ungläubig. Denn dieses Spiel hatte alles: Tore, Karten, Emotionen und eine Portion Chaos. Oder wie ein älterer Fan auf der Tribüne es zusammenfasste: "Ich wollte nur mal wieder ein schönes 0:0 sehen. Falsch gedacht." So bleibt als Fazit: Merseburg hat Nerven gezeigt, Eschborn Herz - und das Publikum bekam ein Fest. Fußball, wie man ihn liebt: unberechenbar, wild und herrlich sinnlos. 22.09.643999 21:10 |
Sprücheklopfer
In der Schlußphase war der Pfosten der Einzige, auf den wir uns 100prozentig verlassen konnten.
Christoph Daum