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Wenn 5500 Aachener am Dienstagabend den Tivoli bevölkern, hoffen sie auf Herzblut, Leidenschaft - und vielleicht mal einen Ball, der den Weg ins Tor findet. Letzteres blieb beim 0:2 gegen Weiler im Allgäu allerdings Wunschdenken. Zwei Treffer von Jannick Fritsch besiegelten die nächste bittere Heimniederlage für die Alemannia, die offensiv so ungefährlich blieb wie ein lauwarmer Kamillentee. Dabei fing alles gar nicht so übel an. Die Aachener liefen - laut Statistik - mit 50 Prozent Ballbesitz auf Augenhöhe, spielten "offensiv", wie Trainer Kölsche Alemanne später betonte, aber irgendwie erinnerte das eher an ein Schaulaufen im Halbschlaf. "Wir wollten Geduld zeigen", sagte Alemanne auf der Pressekonferenz, "leider war die Geduld dann größer als die Torgefahr." Zwei Torschüsse stehen am Ende zu Buche - einer in der 84. Minute, einer in der Nachspielzeit. Beide landeten brav in den Armen des Gästekeepers Hanns Peter. Weiler im Allgäu dagegen kam mit klarer Marschroute: Angriff ist die beste Verteidigung. 21 Torschüsse, druckvolles Pressing - jedenfalls sobald sie in Ballbesitz waren - und eine Mannschaft, die sichtbar Spaß am Spiel hatte. Schon in der 7. Minute prüfte Heinrich Foerster den Aachener Torwart Yuval Rosenthal mit einem satten Schuss aus der zweiten Reihe. Kurz darauf folgte ein Feuerwerk an Abschlüssen - Linus Berger, Dimas Allegri, Michael Siebert - jeder durfte mal. In der 13. Minute gab es die erste Verwarnung: Nael Assis grätschte beherzt, aber ungeschickt, und sah Gelb. "Ich hab’ den Ball gespielt - nur war der Ball leider schon weg", grinste er später in der Mixed Zone. Dann die bittere 19. Minute für Weiler: Emil Musiala, bis dahin umtriebig im Mittelfeld, blieb nach einem Zweikampf liegen. Diagnose: Oberschenkelzerrung. Trainer Mino Raiola, der an der Seitenlinie wild gestikulierte, brachte Nick Scherer - eine Entscheidung, die sich als Glücksgriff herausstellen sollte. Denn Scherer war es, der in der 40. Minute einen perfekten Steilpass auf Fritsch spielte. Der bullige Mittelstürmer setzte sich gegen zwei Verteidiger durch und schob eiskalt flach links ein. 0:1 - verdient, eindeutig, unaufgeregt. "Ich hab’ einfach aufs Tor gehalten", sagte Fritsch nach dem Spiel. "Und diesmal war keiner da, der im Weg stand." Aachen versuchte in der zweiten Halbzeit, das Ruder herumzureißen. Zumindest laut Taktiktafel blieb man offensiv - in der Realität wirkte das eher wie ein Versuch, den Ball so lange wie möglich in den eigenen Reihen zu halten, um nicht wieder hinterherlaufen zu müssen. "Wir wollten sie locken", meinte Alemanne. "Aber sie kamen einfach nicht." Weiler dagegen ließ nicht locker. Fritsch, Siebert und Foerster prüften Rosenthal im Minutentakt, der Aachener Keeper war der Einzige, der an diesem Abend Normalform zeigte. Bis zur 80. Minute - da war auch er machtlos. Wieder Fritsch, diesmal bedient von Ben Meister, der sich auf links durchdribbelte und den Ball punktgenau auf den Fuß des Stürmers legte. 0:2, und damit war der Deckel drauf. "Wir haben das heute clever runtergespielt", sagte Weilers Coach Mino Raiola nach dem Abpfiff, die Sonnenbrille lässig im Haar. "Aachen hatte den Ball, wir hatten die Tore - das ist die bessere Statistik." Während die Gäste jubelten, murmelte man auf den Rängen des Tivoli Sätze wie: "Früher war mehr Lametta." Ein älterer Fan auf der Westtribüne brachte es auf den Punkt: "Die Jungs rennen wie auf Schienen. Leider in die falsche Richtung." Auch nach dem Spiel blieb der Humor das Einzige, was in Aachen funktionierte. Im Spielertunnel fragte der junge Tiago Santos seinen Mitspieler Thomas Munch: "Haben wir eigentlich einen Torschuss gehabt?" - Munch grinste: "Zwei. Wir sind auf Rekordkurs." Statistisch gesehen war das Spiel ein Musterbeispiel für klare Kräfteverhältnisse: 21:2 Torschüsse, 59 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gäste, und ein Alemannia-Team, das zwar offensiv eingestellt war, aber defensiv beschäftigt blieb. Weiler im Allgäu klettert mit dem Sieg auf die oberen Tabellenränge, während Aachen weiter im grauen Mittelfeld strauchelt. "Wir müssen an der Effizienz arbeiten", meinte Alemanne zum Abschied. "Und vielleicht an der Richtung." Ein Schlusswort? Vielleicht dieses: Wenn eine Mannschaft mit "offensiver Ausrichtung" antritt und am Ende zwei harmlose Schüsschen produziert, dann ist klar - Taktiktafeln gewinnen keine Spiele. Tore schon. Und die schoss, wie könnte es anders sein, Jannick Fritsch. Zweimal. Eiskalt. Wie ein Mann, der weiß, wo das Tor steht - und dass dahin manchmal schon reicht. 04.12.644002 23:00 |
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