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3667 Zuschauer hatten sich an diesem kühlen Aprilabend auf dem ehrwürdigen Tivoli eingefunden, um zu sehen, ob Alemannia Aachen gegen Wismut Aue endlich mal wieder einen Heimsieg einfahren würde. Am Ende gingen sie mit gemischten Gefühlen nach Hause: Ihre Elf kämpfte, rackerte, spielte phasenweise ansehnlich - aber Aue nahm mit einem späten 2:1-Sieg alle drei Punkte mit nach Sachsen. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn wir schon 500 Kilometer fahren, dann wenigstens mit Punkten im Gepäck", grinste Gästecoach Thomas Freitag nach dem Abpfiff. Seine Mannschaft tat genau das - und das trotz einer ersten Halbzeit, in der Aachen durchaus mithalten konnte. Schon nach elf Minuten ließ Aue allerdings die Muskeln spielen. Innenverteidiger Micky van de Ven, erst 17, stieg nach einer Ecke höher als alle Aachener und wuchtete den Ball per Kopf zum 0:1 ins Netz. Vorlagegeber Noe Ze Castro jubelte mit, als hätte er selbst getroffen, und rief in Richtung Bank: "Sag ich doch, Standards sind unsere Waffe!" Doch Aachen ließ sich nicht beeindrucken. Trainer Kölsche Alemanne, der an der Seitenlinie mehr herumsprang als ein Espressoautomat auf Rädern, trieb seine Elf nach vorn. Nur 14 Minuten später war es dann soweit: Nach einem klugen Pass von Xavier Castano zog Innenverteidiger Nuno Pinto (!) aus knapp 20 Metern ab - und traf! 1:1 in der 25. Minute, und der Tivoli bebte. "Ich dachte erst, das war abgefälscht", gab Pinto später zu. "Aber wenn der Ball drin ist, fragt keiner mehr." Die Alemannia witterte ihre Chance, doch Aue blieb gefährlich. Bis zur Pause hatte das Team von Freitag bereits neun Schüsse aufs Tor abgegeben, während Aachen meist auf schnelle Gegenangriffe setzte. Torwart Yuval Rosenthal bei den Gastgebern musste mehrfach eingreifen, unter anderem bei einem satten Versuch von Diego Duran (34.) und einem Flachschuss von Lennard Bach (43.). Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig am Bild: Aue blieb druckvoll, Aachen kämpfte. Die Statistiker notierten am Ende 19 Torschüsse für die Gäste, nur 7 für die Hausherren - ein klares Zeichen, wer das Spiel bestimmte. Dennoch lag über weite Strecken der Partie diese typische Aachener Hoffnung in der Luft, dass irgendwie, irgendwann noch einer reingehen würde. In der 54. Minute wechselte Aue sogar den Torwart: Alfonso Barros kam für Tom De Bilde. Auf Nachfrage erklärte Freitag trocken: "Tom hatte Krämpfe in beiden Waden. Und vielleicht auch ein bisschen Angst vor Nuno Pinto." Das Publikum lachte, aber Barros machte seine Sache ordentlich. Je länger das Spiel dauerte, desto hektischer wurde es. Aachens Stürmer Thomas Eliot rannte, als wolle er das Spiel allein drehen, aber seine Schüsse (29., 74.) flogen knapp über die Latte oder landeten in den Armen des jungen Auer Keepers. Dann kam die 84. Minute - der Moment, in dem der Fußball wieder einmal seine eigene Ironie zeigte. Ausgerechnet Linksverteidiger Santiago Meireles, bisher eher unauffällig, zog nach einem cleveren Zuspiel von Noe Ze Castro ab. Der Ball schlug flach im linken Eck ein. 2:1 für Aue, und die Gesichter auf der Aachener Bank wurden so lang wie die Nachspielzeit. "Wir haben 44 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, aber leider nicht die entscheidenden", knurrte Trainer Alemanne nach dem Spiel. "Und wenn der Linksverteidiger des Gegners anfängt, Tore zu schießen, dann weißt du, dass der Fußball heute keinen Humor hat." Aue brachte das Ergebnis souverän über die Zeit, obwohl die Alemannia in den letzten Minuten alles nach vorne warf. Javier Vidigal traf in der 83. Minute noch einmal das Außennetz - es war die letzte nennenswerte Chance. Beim Abpfiff jubelten die Gäste ausgelassen, während die Aachener Fans ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus verabschiedeten. Vielleicht, weil sie wussten: Einsatz war da, nur das Glück fehlte. "Wir haben uns nicht versteckt", sagte Aachens Kapitän Thomas Eliot mit schweißnasser Stirn. "Aber Aue war heute einfach cleverer. Und die haben den Ball behandelt, als wäre er aus Porzellan." Ein sarkastischer Reporter neben mir murmelte: "Oder eher aus Gold - so vorsichtig, wie Aachen den manchmal angefasst hat." So oder so: Aue bleibt mit diesem Auswärtssieg im Rennen um die oberen Tabellenplätze der Regionalliga C. Die Alemannia dagegen wird sich fragen müssen, warum aus Leidenschaft keine Punkte wurden. Und irgendwo in der Kabine summte jemand: "Auswärtssieg, Auswärtssieg!" - ein Lied, das auf dem Tivoli an diesem Abend lieber keiner hören wollte. 11.01.643997 17:52 |
Sprücheklopfer
Ich musste meine Jungs ins kalte Feuer werfen.
Klaus Toppmöller