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Blau Weiß Bochum zittert sich zum 4:3 gegen FK Pirmasens

Ein lauer Maiabend, 20:15 Uhr in Bochum. 4252 Zuschauer, die meisten in Blau-Weiß, erwarteten beim 15. Spieltag der Regionalliga B einen gepflegten Fußballabend - und bekamen stattdessen eine Achterbahnfahrt zwischen Jubel und Nervenzusammenbruch. Am Ende gewann Blau Weiß Bochum mit 4:3 (3:0) gegen den FK Pirmasens, aber wer in der 39. Minute schon nach Hause gehen wollte, verpasste ein Drama in drei Akten.

Die Gastgeber kamen furios aus der Kabine. Schon in der 11. Minute zirkelte Enrique da Costa den Ball nach feinem Zuspiel von Herold Blood aus 18 Metern ins Netz - ein Treffer mit der Präzision eines Mathematikers und der Eleganz eines Tangotänzers. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste da Costa später, "aber der Ball hat wohl einen eigenen Kopf." Pirmasens’ Keeper Lucas Grantham sah den Ball wohl erst, als er schon wieder aus dem Netz rollte.

Zehn Minuten später durfte auch Fabian Brand jubeln. Nach einem butterweichen Pass von Linksverteidiger Ralf Weiss vollstreckte der Rechtsaußen trocken zum 2:0. Und als Theo Malfoy in der 39. Minute nach feiner Vorarbeit von Tikhon Kapustin das 3:0 erzielte, war das Bochumer Stadion ein Tollhaus. Trainer und Fans wähnten sich schon im Schaulaufen.

"Wir haben gedacht, das Ding ist durch", gab Kapitän Valeri Kapustin später zu. "Fehler Nummer eins: gegen Pirmasens ist nie irgendwas durch."

Denn was dann kam, erinnerte an einen schlechten Krimi, bei dem man plötzlich merkt, dass der Mörder noch frei herumläuft. FK Pirmasens, von Trainerin Gudrun Schweitzer in der Pause offenbar mit einer ordentlichen Portion Pfeffer versorgt, drehte das Spielgeschehen komplett. Schon in der 47. Minute traf der eingewechselte Noah Specht nach Vorlage von Samuel Reid zum 3:1. Und weil Bochum plötzlich verteidigte, als hätten sie Angst vor dem Ball, legte Specht in der 57. Minute gleich nach - diesmal nach Flanke von Innenverteidiger Tiago Gomes.

"Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können", sagte Specht nach dem Spiel mit dem Lächeln eines Mannes, der gerade eine Abwehrreihe traumatisiert hat. Und Pirmasens zeigte weiter Moral: In der 69. Minute zog Mittelfeldmann David Bernier ab, der Ball schlug unhaltbar im linken oberen Eck ein. 3:3. Die Tribüne verstummte, man hörte förmlich das Zittern der Sitzschalen.

Bochums Trainer - der Name blieb an diesem Abend fast nebensächlich - rief verzweifelt: "Jungs, wir spielen doch zu Hause!" Was er meinte: Vielleicht doch mal wieder nach vorne spielen. Und tatsächlich: In der Nachspielzeit, als die meisten schon die Nerven verloren hatten, war es ausgerechnet Routinier Valeri Kapustin, der den entscheidenden Treffer erzielte. 91. Minute, linker Fuß, keine Gnade. 4:3.

"Ich hab einfach draufgehauen", grinste Kapustin nach dem Schlusspfiff. "Wenn man 33 ist, denkt man nicht mehr lange nach."

Die Statistik spiegelt das Auf und Ab eines Spiels wider, das man eigentlich zweimal erzählen müsste. Bochum kam auf 12 Torschüsse, Pirmasens auf 6 - und doch waren es die Gäste, die in der zweiten Hälfte das Spiel diktierten. Der Ballbesitz lag fast ausgeglichen bei 51 zu 49 Prozent, die Zweikampfquote sprach mit 54 Prozent knapp für die Hausherren.

Ein kleiner Nebenschauplatz: Der junge David Marano von Pirmasens sah in der 17. Minute Gelb, kurz darauf wurde er ausgewechselt. "Ich hatte das Gefühl, der Schiri hatte mich auf dem Zettel", murmelte er nach dem Spiel, während Gudrun Schweitzer trocken kommentierte: "Wir wollten mit elf Leuten zu Ende spielen, das war der Plan."

Pirmasens stellte zur Pause gleich doppelt um, brachte den 19-jährigen Stefan Keller und den flinken Noah Specht - eine Entscheidung, die fast noch in ein Fußballmärchen gemündet wäre. Schweitzer sagte später: "Ich bin stolz auf die Jungs. Nur schade, dass Fußball 90 Minuten dauert."

Bochum dagegen wirkte nach dem Schlusspfiff wie eine Mannschaft, die gewonnen, aber nichts verstanden hatte. "Wir müssen lernen, nach 3:0 nicht den Picknickkorb auszupacken", seufzte Trainerassistent Meyer trocken.

So bleibt ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Tore, Zittern und am Ende ein überlebensgroßes Aufatmen. Die 4252 Zuschauer gingen nach Hause mit dem Gefühl, etwas erlebt zu haben - auch wenn keiner so recht wusste, ob es ein Sieg oder eine Warnung war.

Man kann es so sagen: Blau Weiß Bochum hat gewonnen. Aber FK Pirmasens hat die zweite Halbzeit gewonnen - und vielleicht auch ein bisschen die Herzen der Zuschauer. Und wer Fußball liebt, weiß: Solche Abende sind der Grund, warum man trotzdem wiederkommt.

29.11.643999 16:39
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