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Es war ein lauer Maiabend in Chemnitz, doch was sich auf dem Rasen des Stadions an der Gellertstraße abspielte, hatte eher die Temperatur eines Eisschranks für Heimfans. Der Chemnitzer FC, angeführt von Trainerin Beate Merkel, bekam beim 0:4 gegen den FC 1903 Wangen eine bittere Lehrstunde in Sachen Effizienz, Tempo und, man darf es so sagen, Spielfreude. 12.529 Zuschauer sahen zu, wie sich die Gäste in einen Rausch kombinierten - und die Gastgeber mehrheitlich hinterherliefen. Schon nach 13 Minuten zeichnete sich ab, dass das kein gemütlicher Fußballabend werden würde. Filippo Inzaghi - nein, nicht der legendäre Italiener, aber ein junger Namensvetter mit ähnlich ausgeprägtem Torriecher - stand goldrichtig, als Niklas Korn einen langen Ball aus der Abwehr über die Chemnitzer Kette schlug. Inzaghi nahm die Kugel mit der Brust und schob eiskalt ein. 0:1. Die ersten Fans auf der Gegengerade suchten bereits nach dem Trostbier. "Wir waren noch gar nicht richtig wach, da stand’s schon 0:1. Vielleicht hätten wir Kaffee statt Iso-Drink trinken sollen", knurrte CFC-Kapitän Martin Medved hinterher. Der Torhüter war zur Halbzeit ausgewechselt worden - nicht verletzt, sondern vermutlich aus Gründen, die man in der Branche gern als "taktisch" bezeichnet. Chemnitz mühte sich redlich, hatte durch Dror Galili in der 15. und 29. Minute zwei Abschlussversuche, die allerdings mehr an Flankenversuche erinnerten. Wangen dagegen spielte, als hätten sie einen Magneten im Ball. 18 Schüsse aufs Tor gegenüber 3 der Gastgeber sprechen eine deutliche Sprache. Mit 54 Prozent Ballbesitz und 58 Prozent gewonnener Zweikämpfe kontrollierten sie das Spiel nach Belieben. Trainer Ready Play - ja, so heißt er wirklich - grinste nach dem Abpfiff: "Wir wollten Spaß haben. Und wenn’s viermal klingelt, beschwert sich keiner." Tatsächlich klingelte es noch dreimal. In der 63. Minute erhöhte der 19-jährige Carl Assis auf 0:2. Nach klugem Pass von Rechtsaußen Phillipp Berg zog der junge Angreifer trocken ab. Der Ball schlug unhaltbar im kurzen Eck ein. Während Assis jubelnd in Richtung Gästeblock sprintete, sah man Chemnitzer Trainerin Merkel regungslos an der Seitenlinie stehen - die Arme verschränkt, den Blick irgendwo zwischen Ratlosigkeit und Galgenhumor. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir hinterhergelaufen sind", sagte sie später, "aber wenigstens sind wir fit." Spätestens in der 78. Minute war das Spiel endgültig entschieden. Patrik Schick, zur Pause eingewechselt, traf nach wunderbarer Vorarbeit von Halvor Ovesen. Schick grinste danach in die TV-Kamera: "Ich wollte zeigen, dass ich auch ohne Videobeweis treffen kann." Den Schlusspunkt setzte erneut Carl Assis in der 92. Minute - nach einem feinen Querpass von Hugo Vazques. Während Wangen jubelte, seufzten die Chemnitzer Fans kollektiv. "Wenn’s läuft, dann läuft’s - aber leider in die falsche Richtung", murmelte ein älterer Herr auf der Tribüne, während er seine Stadionbratwurst in den Müll warf. Statistisch betrachtet hätte Chemnitz vielleicht ein Ehrentor verdient gehabt - aber Fußball ist kein Statistikspiel. Drei Schüsse aufs Tor, einer davon halb gefährlich, sind einfach zu wenig. Wangen dagegen hätte locker noch zwei, drei weitere Treffer nachlegen können. Die Gäste spielten mit einem Selbstverständnis, das an einen Erstligisten erinnerte - offensiv, ballsicher, variabel. "Wir trainieren den Spaß am Risiko", erklärte Trainer Ready Play nach dem Spiel. "Und wenn’s schiefgeht, dann wenigstens spektakulär." Diesmal ging’s allerdings ganz und gar nicht schief. Für Chemnitz bleibt die Erkenntnis: Offensive Aufstellung hin oder her, ohne Präzision und Leidenschaft bleibt man in dieser Liga auf der Strecke. Die Mannschaft lief zwar viel, aber meist hinterher. Der eingewechselte Ersatzkeeper Turhan Turan verhinderte sogar Schlimmeres - ein Satz, der bei einem 0:4 fast schon als Kompliment durchgeht. Beate Merkel hatte am Ende immerhin ihren Humor wiedergefunden. "Ich hab den Jungs gesagt: Kopf hoch - schlimmer kann’s ja kaum werden. Und falls doch, dann schreiben Sie bitte wieder drüber, damit ich’s nachlesen kann." So endete ein Abend, der für Chemnitz in die Kategorie "gebraucht" fällt - und für Wangen in die Rubrik "historisch schön". Vier Tore, drei Torschützen, null Gegentreffer: Der FC 1903 Wangen reist mit breiter Brust nach Hause. Chemnitz dagegen wird sich die nächsten Tage wohl vor allem mit der Frage beschäftigen, wie man das Runde wieder öfter Richtung Eckiges bekommt. Und wer weiß - vielleicht war dieses 0:4 ja einfach Teil eines größeren Plans: einmal ganz unten, um dann umso höher zu fliegen. Nur sollte der Aufschwung bald beginnen, sonst bleibt der Chemnitzer FC im Tabellenkeller stecken - und dort ist die Luft bekanntlich am dünnsten. 22.11.644002 14:32 |
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