// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Wenn 3463 Zuschauer an einem frischen Aprilabend ins Stadion pilgern, dann hoffen sie auf Spektakel. Was sie beim 1:1 zwischen dem FK Pirmasens und Wolfratshausen am 20. Spieltag der Regionalliga B bekamen, war kein Feuerwerk, aber ein ehrlicher, manchmal ruppiger Schlagabtausch zweier Teams, die sich nichts schenken wollten - außer vielleicht den Ballbesitz, den Wolfratshausen mit 56 zu 44 Prozent für sich verbuchte. Dabei hatte alles so verheißungsvoll für die Gastgeber begonnen. In der 25. Minute setzte sich Alex Coviello, der bullige Mittelstürmer, gegen zwei Verteidiger durch, zog mit rechts ab und traf trocken ins lange Eck. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der 28-Jährige später, "manchmal hilft Nachdenken ja auch nicht weiter." Trainerin Gudrun Schweitzer ballte die Faust, während ihr Gegenüber Ferdinand Meyer die Arme verschränkt und in Richtung Himmel blickte - vielleicht in der Hoffnung, dort eine Abseitsfahne zu entdecken. Doch Wolfratshausen ließ sich nicht entmutigen. Mit jugendlichem Elan - gleich sieben Spieler im Team sind unter 20 - kombinierten sie sich immer wieder gefährlich vors Tor. Besonders auffällig: der 18-jährige Carsten Hennig, ein Linksaußen mit der Frechheit eines Straßenfußballers. Nach mehreren wuchtigen Abschlüssen (32., 44. Minute) belohnte er sich kurz vor der Pause selbst. Jean Bataillard, 20, spielte einen Pass in die Schnittstelle, Hennig nahm den Ball volley und versenkte ihn zum verdienten 1:1-Ausgleich. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand er später mit einem schelmischen Grinsen. Die zweite Halbzeit begann mit einer personellen Umstellung bei Pirmasens: Kornej Babinow kam für David Bernier ins Mittelfeld. "Wir wollten mehr Verbindung zwischen den Linien", erklärte Schweitzer, "und Kornej redet wenigstens lauter auf dem Platz." Ihre Maßnahme zeigte Wirkung - zumindest akustisch. Spielerisch blieb es bei viel Einsatz, aber wenig Ertrag. In der 63. Minute dann der Aufreger: Tiago Gomes, Innenverteidiger und unermüdlicher Kämpfer, sah Gelb nach einem rustikalen Einsteigen. "Ball gespielt", rief er empört - was Schiedsrichterin Renate Klose nur mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte. Kurz darauf durfte er immerhin selbst einmal abschließen (50.), aber sein Schuss war eher eine Erinnerung daran, warum er Verteidiger ist. Wolfratshausen drückte nun stärker. Niko Nowak prüfte den Keeper (48.), Hennig scheiterte mehrfach knapp (54., 75., 88.). Auf der anderen Seite brachte Schweitzer in der 65. Minute Müjdat Öztürk für Dani Tabenkin - und der neue Mann sorgte prompt für frischen Wind. Zwei gefährliche Abschlüsse (68., 70.) ließen die heimischen Fans wieder hoffen, doch Wolfratshausens junger Torwart Julian Semedo, 21 Jahre alt und mit der Ruhe eines Bibliothekars, hielt alles, was auf ihn zuflog. "In der zweiten Hälfte hatten wir das Spiel im Griff", meinte Gäste-Coach Meyer nach Abpfiff. "Aber uns fehlt noch die Kaltschnäuzigkeit. Vielleicht kommt die mit dem nächsten Rasierer." Schweitzer konterte trocken: "Dann sollen sie sich ruhig noch ein bisschen Zeit lassen." Statistisch sah es genau nach dem aus, was das Ergebnis versprach - ein Spiel auf Augenhöhe. Wolfratshausen mit elf Torschüssen, Pirmasens mit acht. Zweikampfquote? 51 zu 49, also praktisch unentschieden. Es war, als hätten sich beide Mannschaften beim Anstoß darauf geeinigt, dass keiner heute mehr als einen Punkt mitnimmt. Kurz vor dem Ende versuchte Noah Specht (84.) noch einmal, den Lucky Punch zu setzen, verfehlte aber knapp. Als dann in der Nachspielzeit Öztürk ein letztes Mal aus der Distanz abzog (90.), hielt selbst die Trainerin kurz den Atem an - der Ball rauschte Zentimeter am Pfosten vorbei. Nach dem Schlusspfiff klatschten sich die Spieler gegenseitig ab, als hätten sie gerade ein Freundschaftsspiel bestritten. Vielleicht war’s das auch ein Stück weit - ein Freundschaftsspiel mit eingebautem Stolz. "Lieber ein ehrliches 1:1 als ein glückliches 2:1", meinte Schweitzer zum Abschied. "Aber wenn wir nächste Woche ehrlich 2:1 gewinnen, sag ich auch nicht nein." So bleibt FK Pirmasens in der Tabelle solide im Mittelfeld, während Wolfratshausen zeigt, dass jugendlicher Übermut manchmal reicht, um alte Hasen ins Schwitzen zu bringen. Und wer weiß - vielleicht war dieser Abend nur das Vorspiel einer kleinen Erfolgsgeschichte aus Oberbayern. Oder, um es mit den Worten eines Zuschauers hinter der Haupttribüne zu sagen: "Das war kein Spiel für Feingeister, aber wenigstens hat keiner geschlafen." 06.09.643996 11:17 |
Sprücheklopfer
Erich Ribbeck ist vom Fußball so weit weg wie die Erde vom Mars.
Werner Lorant