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Es war einer dieser Abende, an denen Fußballfans sich fragen, warum sie sich das eigentlich antun - und dann, in der 83. Minute, daran erinnert werden. TV Badenstedt gewann zum Auftakt der Gruppenrunde im Liga-Pokal (Regionalliga A) mit 1:0 beim SV Drochtersen. Ein spätes Tor des 20-jährigen Mathias Herbst entschied eine zähe, aber keineswegs langweilige Partie vor 4000 Zuschauern. Schon die ersten Minuten gaben die Richtung vor: Drochtersen schoss früh, aber ungenau. Markus Hoppe prüfte nach 60 Sekunden den Gästekeeper Tomasz Christ - der erste und für längere Zeit letzte Schreckmoment für Badenstedt. "Ich dachte, wir fangen gleich gut an", grinste SV-Trainer Flucian Breitenbleks später sarkastisch. "Aber dann haben wir wohl beschlossen, uns aufs Verteidigen zu konzentrieren." Während die Hausherren sich mit vier Torschüssen für den Rest des Spiels begnügten, zeigte Badenstedt, was Offensivgeist bedeutet. 18 Schüsse, 53 Prozent Ballbesitz und eine Ausrichtung, die in jeder Statistik schlicht "OFFENSIVE" hieß - das war ein klares Statement. Trotzdem dauerte es bis kurz vor Schluss, ehe sich der Aufwand auszahlte. "Wir haben Chancen gehabt, so viele Chancen!", stöhnte Gästestürmer Detlev Rohde nach dem Abpfiff, "ich dachte schon, der Ball will heute einfach nicht rein." Und tatsächlich: Becker schoss in der 13., 26., 58., 62., 63. und 78. Minute - allesamt ohne Erfolg. Wagner traf mehrmals das Außennetz, und selbst der junge Rechtsaußen Herbst hatte seine Mühe, den Ball in Richtung Tor zu bringen. Badenstedts Trainer Wingman, ein Mann mit dem trockenen Humor eines britischen Wetterberichts, fasste es so zusammen: "Wir haben so oft geschossen, dass ich schon überlegte, ob wir vielleicht Körbe montieren sollten." Die Partie selbst war trotz aller Bemühungen kein Spektakel. Der Rasen in Drochtersen war schwer bespielbar, die Luft feucht und die Nerven dünn. Immer wieder versuchte Drochtersen, über Ellis Ackland und Janis Hafner zu kontern, doch beide verzettelten sich in der gut organisierten Badenstedter Abwehr. "Wir standen kompakt, und das war auch nötig", meinte Badenstedts Innenverteidiger Johann Max, "sonst hätten wir uns bei jedem langen Ball wieder neu sortieren müssen." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: Badenstedt machte das Spiel, Drochtersen verteidigte - und Torwart Giorgio Santarsiero wuchs über sich hinaus. In der 61. Minute kratzte er einen Schuss von Lennard Wolf aus dem Winkel, in der 67. parierte er spektakulär gegen Herbst. Auf der Tribüne erhob sich kurz Applaus - auch von den Gästefans. Doch dann kam die 83. Minute, und die Geduld der Gäste zahlte sich aus. Nach einem Pass von Detlev Rohde zog Mathias Herbst von rechts nach innen, suchte den Abschluss - und traf. Santarsiero streckte sich vergeblich, der Ball zappelte im Netz. 0:1, und plötzlich war es still im Stadion. "Ich hab’ einfach draufgehalten", sagte Herbst später, "und diesmal ging er rein. Vielleicht war’s auch Glück, aber das nehm’ ich." Die letzten Minuten gehörten wieder Drochtersen, mehr aus Pflichtgefühl denn aus Überzeugung. Hoppe versuchte es noch einmal mit einem Verzweiflungsschuss aus 25 Metern, doch Badenstedts Ersatztorhüter Rui Mino - gerade erst für den jungen Christ eingewechselt - wehrte sicher ab. Wingman klatschte an der Seitenlinie, Breitenbleks trat einen Wasserflaschenkasten um. Als der Schlusspfiff ertönte, schien Erleichterung das dominierende Gefühl auf beiden Seiten. Badenstedt hatte gewonnen, Drochtersen immerhin nicht hoch verloren. "Wir haben die Ordnung gehalten", lobte Breitenbleks sein Team mit einem Gesichtsausdruck, der etwas anderes sagte. Wingman dagegen lächelte breit: "Ein Arbeitssieg. Kein Glanz, aber drei Punkte. Und das ist, was zählt." Die Zahlen untermauern das Geschehen: 18:4 Torschüsse, 53 zu 47 Prozent Ballbesitz, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Badenstedt. Der Sieg war verdient, auch wenn er spät kam. Zum Abschied winkte Herbst den Fans und rief: "Ich hab’s euch doch versprochen!" - worauf ein älterer Badenstedt-Anhänger zurückbrüllte: "Na endlich, Junge!" Ein Dialog, der den Abend perfekt zusammenfasste: langes Warten, kurzer Jubel, ein verdientes 1:0. Und Drochtersen? Die werden sich trösten mit dem alten Spruch: Lieber einmal knapp verlieren als sechsmal unentschieden. Wobei - fragt man Trainer Breitenbleks, klingt es eher so: "Ich hätte heute sogar ein langweiliges 0:0 genommen." Am Ende blieb es bei 0:1 (0:0). Kein Fußballfest, aber echte Pokalkost - mit einem Helden namens Mathias Herbst und einem Trainer Wingman, der im Regen grinste, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. 21.11.644002 16:17 |
Sprücheklopfer
Wir brüllen beide so laut, dass wir uns über's Spielfeld unterhalten können.
Oliver Kahn über seinen Torwart-Kollegen Peter Schmeichel