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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball seine ganze Theaterlust auslebt. 1911 Zuschauer im Regensburger Stadion erlebten beim Halbfinal-Rückspiel des Liga-Pokals (Verbandsliga D) alles, was das Herz begehrt - Tore, vergebene Chancen, zittrige Hände und einen Teenager, der zum Helden wurde. Am Ende jubelte Eintracht Northeim nach einem 6:5-Sieg im Elfmeterschießen über Jahn Regensburg - und das nach einem 1:1 nach 120 Minuten. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll für die Gastgeber begonnen. Schon in der 17. Minute drückte Stephan Fröhlich, der Name war an diesem Tag Programm, den Ball nach Vorarbeit von Arne Eckert über die Linie. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass der Ball nicht wieder irgendwo im Fangnetz landet", grinste Fröhlich später, als hätte er gerade den Champions-League-Pokal gewonnen. Doch die Freude währte kaum sechzig Sekunden. Northeims Wunderknabe Swen Franz, zarte 17 Jahre alt, traf im Gegenzug zum 1:1-Ausgleich. Max Bartsch hatte den Ball von rechts hereingezogen, Franz nahm ihn volley - und plötzlich war es mucksmäuschenstill in Regensburg. "Ich dachte, ich träume", stammelte Franz nach dem Spiel. "Ich wollte einfach mal gucken, was passiert, wenn ich den Ball richtig treffe. Tja." Das Spiel blieb danach ein offener Schlagabtausch. Regensburg hatte minimal mehr Ballbesitz (52 Prozent), Northeim aber die etwas frecheren Ideen. Besonders Daniele Arena versuchte es immer wieder, schoss aus allen Lagen, aber meistens so präzise wie ein Silvesterböller im Nebel. Auch Aaron Longfellow hatte Pech im Abschluss - bis zur 74. Minute. Da war es soweit: Nach Zuspiel von Andreas Falk zog Longfellow ab, der Ball zischte unter die Latte - 2:1, dachte das Stadion schon. Doch der Linienrichter hob die Fahne. Abseits. Zwei Minuten später wieder Longfellow, diesmal regulär - und diesmal drin. 2:1! Nur leider nicht für die Ewigkeit, denn Northeim kämpfte sich in der Schlussphase zurück, ohne noch einmal zu treffen. So ging es in die Verlängerung, 30 Minuten voller Krämpfe, Rufe nach Magnesium und Reflexparaden. Northeims Keeper Justin Schultz wurde zum Turm in der Brandung. "Ich wusste, heute muss ich mindestens einen Ball mehr halten als der andere Torwart", sagte er mit einem müden Lächeln. Carl Falk im Regensburger Tor nickte nur bitter: "Hat er geschafft." Dann das Elfmeterschießen - dieser grausame Moment, in dem Fußballer plötzlich zu Philosophen werden. "Elfmeterschießen ist wie Lotto, nur mit mehr Schweiß", meinte Jahn-Trainer Müller (der hier offensichtlich den Humor noch nicht verloren hatte). Für Regensburg trafen Fröhlich, Falk und Longfellow - doch ausgerechnet Johannes Ritter und Daniele Arena versagten die Nerven. Ritter zielte ins Abendrot, Arena wollte es zu genau machen. Beide Male blieb Schultz ruhig. Northeim dagegen eiskalt: Franz, Ronaldo (ja, Lionel Ronaldo, kein Scherz), Jay Burton, Rafael Santoyo und der kühle Karl Paul verwandelten sicher. Als der letzte Schuss saß, lief Franz jubelnd über das halbe Spielfeld und verschwand unter einem Knäuel aus Mitspielern. Trainer Tim Picke, sonst ein Mann der leisen Töne, brüllte so laut, dass selbst die Ersatzbank von Jahn Regensburg applaudierte. "Ich bin einfach stolz auf die Jungs", sagte er später. "Wir haben mit Mut gespielt, mit Herz - und mit einem 17-Jährigen, der offenbar keine Ahnung hat, dass er nervös sein müsste." Regensburg dagegen stand fassungslos da. Aaron Longfellow klopfte seinem jungen Gegenspieler Franz fair auf die Schulter: "Wenn du so weitermachst, sehen wir dich bald im Fernsehen. Dann aber bitte nicht gegen uns." Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 12 zu 13 Torschüsse, 49 zu 51 Prozent Zweikampfquote, kaum Fouls, aber viele Nerven. Northeim spielte offensiv über die Flügel, Regensburg blieb taktisch diszipliniert, fast zu brav. Man ahnte, dass das Elfmeterschießen ihnen nicht liegen würde - und so kam es dann auch. So endet ein Pokalabend, der alles hatte: junge Helden, alte Routiniers, und diesen bittersüßen Moment, in dem Jubel und Tränen nur einen Pfosten voneinander trennen. Oder, wie es der Stadionsprecher beim Abpfiff trocken formulierte: "Fußball kann so schön weh tun." Und irgendwo in Northeim wird man heute Abend sicher noch ein bisschen länger wach bleiben. 03.06.644000 15:42 |
Sprücheklopfer
Wenn ich natürlich bei meinen Sechs-Minuten-Einsätzen bis zur Winterpause 30 Tore schieße, werde ich vielleicht nicht gehen dürfen.
Jan-Aage Fjörtoft