// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein lauer Maiabend in Gera, 20:15 Uhr Anpfiff, 3953 Zuschauer, die auf ein Fußballfest hofften - und am Ende eine Lehrstunde sahen. Der 1. FC Gera unterlag am 3. Spieltag der Regionalliga B dem FK Pirmasens mit 0:3 (0:1). Wer sich nur die Zahlen ansieht, bekommt eine Ahnung davon, wie einseitig das Schauspiel war: 18 Torschüsse der Gäste, ganze 1 für Gera. Die Statistik liest sich wie ein Krimi, in dem der Täter schon in der ersten Szene überführt ist. Pirmasens spielte von Beginn an, als wollten sie die Latte in der Liga gleich mal auf Champions-League-Höhe legen. Schon nach drei Minuten prüfte Dani Tabenkin den Geraer Keeper Marc Bergen - ein Warnschuss, der sich später als freundliche Vorankündigung entpuppen sollte. In der 29. Minute war es dann soweit: Innenverteidiger Timo Schlotterbeck, sonst eher für rustikale Klärungsaktionen zuständig, stieg nach einer Ecke von George Duncan am höchsten und köpfte zum 0:1 ein. Bergen streckte sich vergeblich, und das Publikum stöhnte - eine Mischung aus Resignation und unfreiwilligem Respekt. "Wir wussten, dass Schlotterbeck bei Standards gefährlich ist", knurrte Gera-Trainer Alexander Otto später. "Aber wissen und verhindern sind halt zwei verschiedene Dinge." Man konnte ihm den Frust ansehen - und wohl auch ein Stück Ratlosigkeit, denn seine Mannschaft blieb harmlos. Der einzige Torschuss der Hausherren kam in Minute 21 von Rechtsverteidiger Piotr Blinow, der den Ball mehr in Richtung Parkplatz als Tor beförderte. Pirmasens dagegen kombinierte munter weiter, spielte kurz und präzise, ganz nach Trainerin Gudrun Schweitzers Credo: "Der Ball läuft schneller als jeder Gegner - also lassen wir ihn laufen." Ihre Elf tat ihr den Gefallen und ließ den Ball tanzen. Dani Tabenkin, quirlig wie immer, wurde überall dort gefährlich, wo Gera gerade nicht war. Nach einer Stunde fiel dann das verdiente 0:2: Kornej Babinow spielte einen Pass in die Tiefe, Tabenkin zog von links nach innen und schob den Ball eiskalt ins lange Eck. "Ich hab kurz gezögert, ob ich querlege", grinste Tabenkin später, "aber dann dachte ich: Ach komm, der Keeper will auch mal fliegen." Bergen flog - und sah den Ball trotzdem nur vorbeiziehen. Von da an war das Spiel entschieden, auch wenn Gera nominell 47 Prozent Ballbesitz hatte. Es war Ballbesitz der Sorte "hintenrum und ohne Idee". Pirmasens zog die Fäden, blieb offensiv und lauerte auf den letzten Stich. Den setzte schließlich Alex Coviello in der 90. Minute. Nach einem schnellen Vorstoß über Schlotterbeck, der plötzlich rechts außen auftauchte, kam der Ball in den Strafraum - Coviello nahm Maß und vollendete zum 0:3. Ein Tor, so trocken, dass man annehmen konnte, er hätte es schon beim Aufwärmen dreimal geübt. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur schön spielen, sondern auch konsequent sind", sagte Coviello danach mit einem breiten Grinsen, während Schlotterbeck ihm auf die Schulter klopfte: "Und ich bin jetzt wohl Offensivspieler, was?" Die Szene auf der Trainerbank war da weniger ausgelassen. Otto stand da, die Hände tief in den Taschen, und murmelte etwas, das wie "Hauptsache Ballbesitz" klang. Seine Spieler wirkten müde, ideenlos, vielleicht auch beeindruckt von der Konsequenz des Gegners. Pirmasens dagegen blieb bis zum Schluss aktiv, selbst als Marcel Baer in der 67. Minute Gelb sah. Schweitzer wechselte klug: MacAlister kam zur Halbzeit, Satchmore wenig später, beide brachten neuen Schwung. "Wir haben eine Tiefe im Kader, die Spaß macht", sagte Schweitzer nach dem Spiel. "Und wenn sogar der Innenverteidiger Tore schießt, weißt du, dass der Plan funktioniert." Die Fans von Gera verabschiedeten ihre Mannschaft mit höflichem Applaus - vielleicht auch aus Mitleid. Denn was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man ein Spiel nicht nur mit Herz, sondern auch mit Zielstrebigkeit gewinnen muss. Pirmasens hatte beides, Gera keines von beiden. Oder wie es ein älterer Zuschauer beim Verlassen des Stadions zusammenfasste: "Die einen spielen Fußball - die anderen warten auf den Abpfiff." Man kann es kaum treffender sagen. Und so reist der FK Pirmasens mit drei Punkten, drei Toren und breitem Grinsen nach Hause, während Gera in der Kabine vermutlich das Wort "Torschuss" neu definiert. Trainer Otto versprach jedenfalls: "Nächste Woche schießen wir öfter aufs Tor - versprochen, auch wenn’s nur im Training ist." Ein Trost bleibt: Schlechter kann’s kaum werden. Für Pirmasens dagegen war es ein Abend, der Lust auf mehr macht - und für Gera einer, den man wohl lieber schnell vergisst. 03.09.644000 19:12 |
Sprücheklopfer
Der Schiri kann froh sein, dass ich ihm keine geschmiert habe.
Werner Lorant