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Es war ein Abend, der in Washington Citys Stadion mehr an ein Schachspiel erinnerte als an ein Fußballfest. 27.000 Zuschauer waren gekommen, um ihre Mannschaft am 12. Spieltag der 2. Liga USA anzufeuern - und sie bekamen 90 Minuten Kampf, Krampf und ein Tor. Leider für die Gäste aus Atlanta. Die Gorillas siegten mit 1:0 bei Washington City - dank eines präzisen Abschlusses von Kalman Zavadszky in der 28. Minute. Der ungarische Rechtsaußen schlenzte den Ball nach Zuspiel des 19-jährigen Zivojin Dordevic millimetergenau ins rechte Eck, als die Heimabwehr kollektiv an der Kaffeetheke zu stehen schien. Torwart Jamie Dennehy streckte sich vergeblich, und Trainer Anja Meister der Gäste reckte kurz die Faust, als hätte sie gerade eine Steuererklärung ohne Fehler abgegeben. Dabei hatte Washington gar nicht so schlecht begonnen. Mehr Ballbesitz (51 Prozent), kontrollierte Pässe, aber ungefähr so viel Torgefahr wie ein nasser Schwamm. Fünf Schüsse auf das Tor in 90 Minuten sprechen Bände. "Wir wollten ruhig aufbauen und dann zuschlagen", erklärte Mittelfeldroutinier Gabriel Thuringer nach dem Spiel, "aber irgendwie blieb das Zuschlagen auf der Strecke." Atlanta hingegen tat, was Gorillas eben tun: draufhauen. 16 Torschüsse, davon mindestens fünf, die Dennehy zu Glanzparaden zwangen. Besonders auffällig: der junge Dylan Hunt, der zwischen Minute 9 und 83 gefühlt jede Gelegenheit nutzte, aus allen Lagen zu schießen. "Coach sagt: Wenn du das Tor siehst, schieß. Also schieße ich", grinste der 20-Jährige hinterher, während er sich ein Schweißband umlegte, das eher nach Mode als nach Funktion aussah. Das Spiel selbst war kein Leckerbissen, eher ein Lehrfilm über diszipliniertes Verteidigen. Washingtons Trainer - der die Ruhe selbst blieb, während seine Abwehrspieler sich gegenseitig anschwiegen - sah sein Team immerhin engagiert. "Wir haben gekämpft, aber der Ball wollte einfach nicht rein", murmelte er, während hinter ihm Roberto Nocara humpelnd den Tunnel suchte. Der 34-jährige Rechtsverteidiger musste nach einer Verletzung in der 89. Minute ausgewechselt werden - ein sinnbildliches Ende eines Abends, an dem bei Washington vieles weh tat. Zuvor hatten die Gastgeber schon reichlich Gelb gesehen: Archie Cochran (23.), Thuringer (71.) und Broderick (88.) sammelten Verwarnungen, als wollten sie in einem Panini-Album glänzen. Auf der Gegenseite ließ sich Atlantas Teenager-Innenverteidiger Vladimir Dubovsky (34.) ebenfalls nicht lumpen und kassierte Gelb, nachdem er Litmanen an der Seitenlinie eher unfreundlich begrüßt hatte. Das einzig wirklich Aufregende aus Sicht der Zuschauer passierte, als ein Balljunge in der 60. Minute versehentlich den neuen Torwart der Gorillas anspielte - Jozef Moravcik, 19, frisch eingewechselt für Alberto Benedetto. "Ich dachte, der Junge will mir gratulieren", lachte Moravcik später. Die Szene brachte immerhin kurz Applaus - und erinnerte daran, dass Fußball manchmal auch einfach Spaß machen darf. Washington versuchte in der Schlussphase alles, was man eben so versucht, wenn nichts mehr geht: lange Bälle, verzweifelte Flanken, hektische Gesten. Kari Litmanen prüfte den Keeper zweimal (18. und 73.), doch die Kugel wollte einfach nicht ins Netz. Als der Schlusspfiff kam, schauten die Heimfans drein, als hätten sie einen Krimi ohne Auflösung gesehen. "Wir haben verdient gewonnen, auch wenn’s hässlich war", sagte Atlantas Trainerin Anja Meister nüchtern. "Aber das ist Fußball. Manchmal reicht ein Moment." Und dieser eine Moment hieß eben Zavadszky. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe mit leichtem Vorteil für Washington beim Ballbesitz, aber einem klaren Plus für Atlanta bei allem, was gefährlich roch. 16 zu 5 Torschüsse sind ein Statement - auch wenn die Gorillas ihre Chancen so verschwenderisch nutzten, dass selbst der Platzwart die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Am Ende blieb es beim 0:1, das in den Geschichtsbüchern als Arbeitssieg stehen wird. Washington City muss sich fragen, ob gepflegter Ballbesitz ohne Zielstrebigkeit wirklich eine Taktik ist oder eher eine Yoga-Übung mit Ball. Die Gorillas dagegen nehmen die drei Punkte mit, als hätten sie gerade einen Goldbarren gefunden. Ein Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Schöner wird’s nicht, aber Hauptsache gewonnen." Und das trifft den Abend wohl ziemlich genau. 29.03.643994 05:31 |
Sprücheklopfer
Mir ist ein Felsen vom Körper gefallen.
Rainer Calmund