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Es war ein Sommerabend, wie ihn Fußballromantiker lieben: 35.612 Zuschauer, brütende Hitze in Atlanta und zwei Mannschaften, die beschlossen hatten, dass Verteidigen eindeutig überbewertet wird. Am Ende stand ein 4:1 für die Atlanta Gorillas gegen die Rochester Horns - ein Ergebnis, das deutlicher klingt, als es die ersten 45 Minuten vermuten ließen. Dabei fing alles gar nicht so gorillastark an. Schon in der 16. Minute brachte Geir Berntsen die Gäste in Führung - ein trockener Abschluss nach Vorarbeit von Sadi Camdali, der die Hintermannschaft Atlantas kurz aussehen ließ wie eine Gruppe Touristen, die den Bus verpasst hat. "Da haben wir kurz gepennt", knurrte Gorillas-Trainerin Anja Meister später. "Aber danach sind die Jungs aufgewacht - und wie!" Tatsächlich: Kurz vor der Pause (43.) rappelte es auf der anderen Seite. Gheorghe Sapunaru, dieser 22-jährige Wirbelwind aus Rumänien, traf nach einer Ecke von Bram Groot per Kopf zum 1:1. Ein Tor, das man in Lehrvideos über Entschlossenheit zeigen könnte - oder über schlechte Zuordnung in der Defensive. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass ich den Ball treffe", grinste Sapunaru nach dem Spiel. "Hat ja irgendwie geklappt." Nach dem Seitenwechsel schien jemand den Gorillas-Käfig endgültig geöffnet zu haben. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff (48.) zimmerte Evan O’Brien den Ball aus halblinker Position unter die Latte - nach feinem Zuspiel von Finlay Ward. Der Ire rannte danach jubelnd zur Eckfahne und imitierte einen Gitarristen. "Das war keine Show", behauptete er später lachend. "Ich hab wirklich gedacht, da steht ein Mikro!" Rochester, bis dahin mit mehr Ballbesitz (54 Prozent), wirkte konsterniert - und das blieb auch so. Statt das Spiel zu beruhigen, ließ man den Gorillas Platz. Und Platz ist das Letzte, was man Sapunaru geben sollte. In der 64. Minute stürmte er nach einem bilderbuchreifen Pass von Nelson Semedo durch, umkurvte Keeper Corey Ross und schob lässig zum 3:1 ein. Das Stadion vibrierte wie ein Presslufthammer im Takt der Fangesänge. "Das war der Moment, wo wir wussten: Heute lassen wir uns das nicht mehr nehmen", sagte Trainerin Meister. Ihre Miene verriet: Sie wusste es wohl schon früher. Die Horns versuchten es mit langen Bällen, aber der Name "Horns" blieb Programm - viel Lärm, wenig Wirkung. Eine gelbe Karte für Abwehrchef Alessio Ferrario (77.) war das Einzige, was sie in der Schlussphase zustande brachten. Und dann, als alle schon auf den Abpfiff warteten, kam Ezequiel Nani. Frisch eingewechselt und offenbar mit einem Extra-Schuss Koffein gesegnet, zirkelte er in der 94. Minute den Ball ins lange Eck - Vorlage O’Brien, natürlich. 4:1. Der Rest war Jubel, Konfetti und ein sichtlich bedienter Gäste-Trainer, der nur murmelte: "Wir hatten den Ball, aber sie hatten die Tore." Statistisch gesehen war das sogar richtig: 18 Torschüsse für Atlanta, nur 6 für Rochester. Die Horns durften den Ball lange streicheln, aber die Gorillas schlugen mit Fäusten zu. Auch in den Zweikämpfen lag das Heimteam mit 54 Prozent knapp vorn. Ein kleines Kuriosum am Rande: In der 60. Minute wechselte Meister gleich dreimal - darunter sogar den Torwart. Olivio Baumann, 32 und Routinier, machte Platz für den 21-jährigen Jozef Moravcik. "Ich wollte ihm einfach mal die Sonne gönnen", witzelte die Trainerin. Moravcik blieb ohne Gegentor - und bekam dafür von den Fans Standing Ovations. Nach dem Spiel stand Sapunaru mit grünem Energy-Drink in der Hand in der Mixed Zone. "Zwei Tore sind schön", sagte er, "aber am schönsten ist, dass wir wieder Spaß haben. Wir spielen jetzt frei - offensiv, aggressiv, wie echte Gorillas." Und so war das auch: offensiv, aggressiv, mit einer Prise Wahnsinn. Die Rochester Horns dagegen müssen sich fragen, ob Ballbesitz ohne Biss wirklich hilft. "Vielleicht hätten wir weniger gepasst und mehr gebrüllt", meinte Mittelfeldmann Tyler Madigan mit Galgenhumor. Fazit: Die Gorillas sind zurück im Dschungel der 1. Liga USA - und sie haben Hunger. Wenn sie so weiterstürmen, wird bald niemand mehr freiwillig in ihre Arena reisen. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Wer hier rein will, braucht Mut. Oder Bananen." Ein Abend, an dem Atlanta zeigte, dass Fußball manchmal ganz einfach ist: weniger Taktik, mehr Instinkt. Und wenn das Ergebnis 4:1 heißt, darf man das ruhig auch mal mit der Brust trommeln. 10.02.644003 04:48 |
Sprücheklopfer
Jancker - hier nimmt er den Ball mit dem Rücken an.
Günter Netzer