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Ein lauer Märzabend, 18.584 Zuschauer, Flutlicht im Volkspark: Das Setting für Dramatik war perfekt, und der Hamburger SC lieferte. Mit 2:1 (1:0) besiegten die Norddeutschen am Freitagabend die DJK Rosenheim - ein Spiel, das weniger von Taktik als von jugendlicher Unbekümmertheit geprägt war. Trainer Bernd Happel hatte vor dem Anpfiff gewarnt: "Meine Jungs sind heiß, manchmal zu heiß. Ich hoffe, sie schießen nicht schon in der Kabine aufs Tor." Nach neun Minuten wusste er, was er meinte. Denn kaum hatte der Stadionsprecher die Aufstellung zu Ende gebrüllt, zappelte der Ball schon im Netz. Der 18-jährige Serbe Zivojin Stevic traf nach Vorarbeit von Jürgen Lauer - ein Bilderbuchtor, das so früh kam, dass mancher Fan noch mit der Bratwurst kämpfte. "Ich hab nur den Fuß hingehalten", grinste Stevic nach dem Spiel. "Okay, vielleicht war’s auch das Schienbein." Hamburg presste, rannte, spielte offensiv wie angekündigt. Filippo Villa prüfte Rosenheim-Keeper Riley Malfoy gleich mehrfach, doch der junge Engländer im bayerischen Dienst hielt seine Mannschaft mit waghalsigen Paraden im Spiel. Rosenheim brauchte fast eine Viertelstunde, um selbst gefährlich zu werden. Fabio Pacos, der quirlige Mittelstürmer, versuchte es gleich dreimal - inklusive eines Schusses, der eher den Ballfangzaun als das Tor fand. Nach seiner gelben Karte wegen Meckerns winkte Rosenheim-Coach Kamil Breer nur müde ab: "Er diskutiert lieber, als dass er trifft. Klassischer Stürmer halt." Die Statistik zur Pause sprach Bände: 46 Prozent Ballbesitz für Hamburg, 54 für Rosenheim - aber 1:0 Tore. Effektivität schlägt Ästhetik, schon wieder. Happel, der alte Pragmatiker, fasste es so zusammen: "Ballbesitz ist was für Schöngeister. Ich mag’s lieber, wenn der Ball im Tor ist." Nach dem Seitenwechsel drehte Rosenheim auf. Breer brachte Henry Shepherd ins Mittelfeld und ließ Dylan Clancy über links wirbeln. Das zahlte sich aus: In der 65. Minute legte Veljko Divic wunderschön quer, und John Carsley drosch das Leder kompromisslos unter die Latte - 1:1. Der Gästeblock explodierte, der Rest des Stadions murmelte nervös. "Da war kurz Ruhe im Karton", gab Happel später zu. Doch kaum hatten die Gäste den Ausgleich gefeiert, konterte Hamburg mit jugendlicher Frechheit. Zehn Minuten später, 75. Minute, eine Szene wie aus dem Lehrbuch: Fabian Kessler schickte Filippo Villa steil, der nutzte seine Schnelligkeit, zog von rechts in den Strafraum und schloss trocken ins lange Eck ab. 2:1 - und diesmal jubelte das ganze Stadion. Villa riss das Trikot hoch, zeigte auf den Himmel, und ein Ordner mahnte ihn mit erhobenem Zeigefinger. "Ich hab doch gar nix Böses gemacht", lachte der 19-Jährige später. Danach wurde’s hitzig. Rosenheim suchte verzweifelt den Ausgleich, Hamburg wechselte defensiv: Bischoff kam für den jungen Bernheim, Duran ersetzte Stokes, später durfte sogar der 17-jährige Bernardo Triguero noch ran. "Ich wollte, dass sie sich belohnen", erklärte Happel. "Und außerdem war ich kurz davor, selber einzuwechseln." Rosenheim warf alles nach vorn - elf Torschüsse insgesamt, genauso viele wie Hamburg. Doch Keeper Marco Ruiz blieb souverän, hielt in der 89. Minute einen gefährlichen Versuch von Ilias Scherfke. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", grinste Ruiz. "Manchmal ist das die beste Taktik." Die Schlussphase war ein wilder Schlagabtausch: lange Bälle, verzweifelte Flanken, ein bisschen Slapstick. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Stevic auf die Knie, Villa klatschte mit jedem Balljungen ab, und Trainer Happel wurde beinahe von einer Gatorade-Dusche getroffen. "Wenn ich das gewollt hätte, wäre ich Schwimmer geworden", knurrte er - und grinste dann doch. Rosenheim-Coach Breer nahm’s sportlich: "Wir hatten mehr Ballbesitz, mehr Spielanteile, aber weniger Glück. Vielleicht sollten wir das nächste Mal auch einfach mal reinschießen." Fazit: Ein junges Hamburger Team, das vor Leidenschaft sprüht, gewinnt gegen eine technisch reifere, aber fahrige Rosenheimer Elf. 2:1 - kein Zufall, sondern das Produkt von Mut, Tempo und einem Villa in Torlaune. Und während die Fans noch "HSV!" sangen, sagte Bernd Happel zum Abschied trocken: "Wenn wir so weiterspielen, muss ich bald Eintritt zahlen." So klingt Optimismus - oder Wahnsinn. In Hamburg ist das ja oft dasselbe. 28.03.643994 05:55 |
Sprücheklopfer
Er hat angezeigt, dass er in einer Minute ausgewechselt werden will.
Christoph Daum über einen Stinkefinger von Ulf Kirsten