Anpfiff
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Hamburger SC siegt spät - Speldorf belohnt sich zu spät

Wenn 5000 Zuschauer an einem lauen Juni-Abend in Speldorf ihren Durst auf Fußball stillen wollen, dann bekommen sie meist ein ehrliches Stück Arbeit geboten. Das war auch an diesem 4. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) so - mit dem kleinen Unterschied, dass der Hamburger SC am Ende die besseren Nerven hatte. 2:1 hieß es nach 96 Minuten, und die Gastgeber vom VfB Speldorf blickten in die Abendsonne, als suchten sie dort die Antwort auf die Frage: Wie konnte das passieren?

Dabei begann alles so, wie Trainer Jakob Meier es in der Videoanalyse vermutlich geplant hatte - kontrollierter Aufbau, keine wilden Experimente, Ballbesitz fast ausgeglichen (50,5 Prozent zu 49,5). "Wir wollten das Tempo diktieren, nicht dem Gegner hinterherlaufen", erklärte Meier später. Und tatsächlich: In den ersten 45 Minuten war das Spiel ein taktisches Schachduell, bei dem sich beide Mannschaften eher gegenseitig die Figuren vom Brett schoben, als wirklich mattzusetzen.

Hamburgs junger Flügelspieler Carl Miguel, gerade einmal 18, prüfte Speldorfs Keeper Simone Altomonte in der achten Minute erstmals ernsthaft. Filippo Villa, sein Partner auf der rechten Seite, feuerte gleich mehrfach drauflos - insgesamt 17 Hamburger Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. Doch Altomonte hielt, und hielt, und hielt. "Ich glaube, ich hatte mehr Ballkontakte als unser Mittelstürmer", witzelte er später.

Nach der Pause wurde es dann hitziger - und gelber. Erst sah Freddie Bernheim bereits in der 18. Minute Gelb, dann gesellte sich Marek Holosko (57.) dazu, später auch der 17-jährige Knut Moeller (88.). Drei Verwarnungen, aber immerhin keine Platzverweise - das nennt man wohl jugendliche Leidenschaft. Trainer Bernd Happel grinste: "Ja, wir haben eine junge Truppe. Manchmal vergessen sie, dass Beinarbeit nicht immer Balleinsatz heißt."

In der 60. Minute brach dann der Bann. Der quirlige Vitor Dominguez, 20 Jahre jung, nutzte eine feine Vorarbeit von Juergen Lauer und traf trocken ins rechte Eck. Das 1:0 für die Gäste war verdient, auch wenn Speldorf zu diesem Zeitpunkt nicht völlig von der Rolle war. "Da war’s wie ein Nadelstich. Wir waren wach, aber plötzlich tat’s weh", meinte Speldorfs Routinier Jesus Urban später.

Und kaum hatten sich die Hausherren sortiert, folgte der nächste Stich. Wieder war es Lauer, der den Ball querlegte, diesmal auf Carl Miguel. Der Teenager blieb eiskalt und schob in der 75. Minute zum 2:0 ein. Happel riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Für uns sind solche Momente Gold wert. Carl ist noch zu jung, um zu wissen, dass man sich da eigentlich freuen darf - der hat nur genickt und zurückgetrabt."

Doch Speldorf wäre nicht Speldorf, wenn sie nicht noch einmal das Publikum wachrütteln würden. In der Nachspielzeit (91.) war es ausgerechnet der Rechtsverteidiger Morten Nilsen, der nach einem Zuspiel von Urban das Leder unter die Latte zimmerte - 1:2! Plötzlich kochte das Stadion, und Trainer Meier brüllte von der Seitenlinie: "Noch einer geht!" Leider ging keiner mehr.

Statistisch gesehen war’s ein Duell auf Augenhöhe, optisch eher eines zwischen jugendlicher Spielfreude und erfahrener Geduld. Hamburg gewann mehr Zweikämpfe (53 Prozent), schoss doppelt so oft aufs Tor und zeigte, dass "balanced" in der Taktiktafel nicht "langweilig" heißen muss. Speldorf hingegen spielte solide, aber ohne den zündenden Moment im letzten Drittel.

Nach dem Abpfiff schüttelten sich beide Trainer fair die Hände. Happel meinte augenzwinkernd: "Wenn wir so weitermachen, müssen wir bald Eintritt nehmen fürs Training." Meier nickte trocken: "Dann komm ich gucken - vielleicht lernen wir, wie man Tore schießt, bevor die Nachspielzeit kommt."

So blieb den Speldorfern an diesem Abend nur der Trost, dass selbst eine Niederlage noch Jubel bringen kann - wenn sie spät genug fällt. Und während die letzten Fans aus dem Stadion schlenderten, murmelte einer: "Schade, war eigentlich ein schönes Spiel." Ja, das war es wirklich - nur eben mit dem falschen Ende für die Gastgeber.

Und wer die Hamburger Jungs so spielen sah, der ahnt: Da wächst eine freche, hungrige Truppe heran, die nicht fragt, ob man als Gast freundlich zu sein hat.

23.11.644002 03:39
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