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Hamburger SC zerlegt Bösingen: 9:0! Ein Abend zwischen Genie und Mitleid

Es gibt Fußballspiele, die schreibt man als Reporter mit Stift und Herzrasen. Und dann gibt es solche, bei denen man beim achten Tor kurz überlegt, ob man nicht doch lieber den Wetterbericht übernimmt. Der Hamburger SC hat am 14. Spieltag der 3. Liga Deutschland den VfB Bösingen mit 9:0 aus dem Volkspark geschossen - und das war noch schmeichelhaft.

Schon nach zwei Minuten donnerte der 17-jährige Oscar Schmidt den Ball ins Netz, als wollte er die Latte testen, ob sie noch hält. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er reingeht, ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste der Teenager nach Spielende, während Trainer Bernd Happel nur trocken meinte: "So fängt man ein Spiel an, nicht mit einem Handshake."

Elf Minuten später durfte Jannick Brand jubeln, nach Vorarbeit von Claudiu Tataru, der an diesem Abend ohnehin alles tat, was man auf einem Fußballplatz tun kann - außer vielleicht den Rasen mähen. In der 17. Minute war Tataru dann wieder beteiligt, diesmal als Passgeber für Pala Memis, der mit 17 Jahren aussieht wie ein Schüler, aber spielt wie ein alter Maestro. 3:0 - und Bösingen wirkte zu diesem Zeitpunkt, als hätten sie ihre Verteidigung bei der Stadionwurst abgegeben.

Das 4:0 (36.) erzielte dann Tataru selbst, bevor Laurent Bradshaw nur zwei Minuten später den Halbzeitstand von 5:0 erzielte. Der Linksverteidiger! "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Bradshaw später, "aber dann dachte ich, ach was soll’s - einfach mal draufhalten." Eine Einstellung, die an diesem Abend offenbar ansteckend war.

Zur Pause wechselte Happel munter durch. Drei frische Leute, drei neue Tore: Filippo Villa eröffnete den zweiten Durchgang in der 46. Minute mit dem 6:0 - Vorlage Memis, natürlich. Danach ließ der Hamburger SC den Ball laufen, als stünden sie im Training gegen die eigene Jugendmannschaft. 24 Schüsse aufs Tor, 66 Prozent Ballbesitz, 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe - das liest sich nicht wie ein Spielbericht, sondern wie ein Bewerbungsschreiben für den Aufstieg.

In der 65. Minute traf wieder Tataru - sein zweites Tor, seine dritte Vorlage. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", sagte der Rumäne lachend, "aber Filippo hat mich daran erinnert, dass er auch noch eins will." Der Wunsch ging in Erfüllung: Villa legte in der 87. Minute zum 9:0 nach, nachdem zuvor der eingewechselte Carl Miguel (84.) das achte Tor besorgt hatte.

Und Bösingen? Nun ja, sie waren auch anwesend. Ohne einen einzigen Schuss aufs Tor, mit 34 Prozent Ballbesitz und einer Gelben Karte für Cesar Yanez (88.), der sich vermutlich einfach mal vergewissern wollte, ob der Schiedsrichter noch wach ist. Trainer Heinz Onkel blieb erstaunlich gefasst: "Wir wollten offensiv spielen", erklärte er stoisch. "Hat nicht geklappt."

Sein Gegenüber, Bernd Happel, kommentierte den Kantersieg mit typisch norddeutscher Zurückhaltung: "War okay. Aber das Pressing war mir zu zögerlich." Man möchte meinen, er habe ein anderes Spiel gesehen - vielleicht das nächste, das seine Mannschaft schon plant, während die Bösinger vermutlich noch versucht haben herauszufinden, wie man neun Gegentore in einem Spiel eigentlich aufarbeitet.

Die 19.611 Zuschauer im Stadion feierten die jungen Wilden des HSC mit stehenden Ovationen. Selbst die Ordner grinsten, als Villa und Tataru sich nach dem Schlusspfiff in den Armen lagen. "Das war heute wie Playstation", sagte Villa, "nur dass der Gegner echt war - also fast."

Ein bisschen Mitleid konnte man mit den Bösingern schon haben, die trotz aller guten Vorsätze nie ins Spiel fanden. Ihre Taktik blieb bis zum Schluss offensiv ausgerichtet - zumindest auf dem Papier. In der Praxis war sie eher eine Einladung: "Kommt, macht noch eins."

So endete der Abend mit einem Ergebnis, das in den Annalen der 3. Liga selten gesehen wird. 9:0, ein halbes Dutzend Vorlagen, ein Dutzend Chancen und kein einziger Torschuss der Gäste.

"Wir nehmen das mit Humor", sagte Bösingens Kapitän Yanez tapfer. "Beim nächsten Mal fangen wir vielleicht erst in der 2. Minute an zu verteidigen."

Und irgendwo in der Nordkurve summte ein Fan: "So macht Fußball Spaß." Man kann’s ihm nicht verdenken.

Ein Spiel wie ein Feuerwerk - nur dass es diesmal neunmal knallte.

18.03.644003 18:05
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