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Wenn am Freitagabend über 5000 Fans in Wolfratshausen ins Stadion strömen, dann ahnt man: Da liegt was in der Luft. Und tatsächlich, am 13. Spieltag der Regionalliga B servierte die junge Truppe von Trainer Ferdinand Meyer dem Publikum einen Fußballabend, der nach frischer Spielfreude roch - und nach Zukunft. Am Ende hieß es 2:0 (1:0) gegen den FK Pirmasens, ein Ergebnis, das schmeichelhafter für die Gäste war, als es die Statistik vermuten lässt. 26 Torschüsse für die Hausherren, nur vier für die Gäste - das Zahlenwerk spricht eine deutliche Sprache. Und der Held des Abends war gerade einmal 17 Jahre alt: Tomas Kunze, der rechte Flügelflitzer mit der jugendlichen Unbekümmertheit eines Straßenkickers, traf doppelt und ließ das Stadion erbeben. "Ich wollte einfach Spaß haben", grinste Kunze nach dem Spiel, als hätte er gerade auf dem Bolzplatz gewonnen. Sein Trainer Meyer legte den Arm um ihn und meinte trocken: "Wenn der Junge so weitermacht, muss ich bald Eintritt zahlen, um ihn spielen zu sehen." Schon in der Anfangsphase deutete sich an, wohin die Reise gehen würde. Kunze prüfte den Pirmasenser Keeper Dennis Frei bereits in der dritten Minute - und wieder in der fünften. Der Ballbesitz lag zwar nur leicht auf Heimseite (54 Prozent), doch Wolfratshausen machte damit einfach mehr. Die Pässe liefen, die Flügel funktionierten, und Einar Juhl, der 18-jährige Rechtsaußen, war ein ständiger Unruheherd. In der 33. Minute fiel dann, was fallen musste: Niko Nowak, quirlig wie ein Espresso nach Mitternacht, legte quer, Kunze nahm den Ball mit rechts, täuschte kurz an - und versenkte ihn trocken ins linke Eck. 1:0. Die 5311 Zuschauer sprangen auf, und ein älterer Herr auf der Tribüne soll gerufen haben: "Endlich wieder Fußball, wie er sein soll!" Pirmasens? Nun ja. Trainerin Gudrun Schweitzer stand an der Seitenlinie, die Arme verschränkt, und schaute mit jener Mischung aus Fassungslosigkeit und professioneller Beherrschung, die man nur beherrscht, wenn man seit Jahren in der Liga arbeitet. "Wir wollten eigentlich mutig auftreten", sagte sie später, "aber Mut ohne Ball ist schwierig." Ihre Elf blieb harmlos, ihre beste Chance hatte Alexander Satchmore in der 31. Minute, doch sein Schuss ging so weit vorbei, dass der Balljunge kurz überlegte, ob er ihn behalten darf. Nach der Pause dasselbe Bild: Wolfratshausen kombinierte, Pirmasens verteidigte. Lorenzo Cerva zog aus der zweiten Reihe ab, Thomas Berndt scheiterte mehrfach am glänzend reagierenden Frei. Und als sich die Gäste dann doch einmal nach vorne wagten, stand Adrian Obregon in der Innenverteidigung wie ein Fels. In der 68. Minute fiel die Entscheidung. Einar Juhl, der in der zweiten Halbzeit aufdrehte, setzte sich über rechts durch, passte flach in die Mitte - und wieder war es Kunze, der goldrichtig stand. 2:0. Der Youngster riss die Arme hoch, grinste in Richtung Trainerbank und schien zu fragen: "Reicht das so?" "Ich hab ihm zugerufen, dass er hinten bleiben soll", lachte Meyer später, "aber er hat’s wohl akustisch nicht verstanden - zum Glück!" Währenddessen wechselte Gudrun Schweitzer noch einmal defensiv, um "Struktur reinzubringen", wie sie erklärte. Doch die Struktur blieb ein theoretisches Konzept. Am Ende stand Pirmasens mit gesenkten Köpfen da, während die Wolfratshauser Fans Kunze und Co. feierten. Die Tacklingquote? 57 Prozent für die Hausherren - auch da war man bissiger. Nur in der Körperlichkeit hielt Pirmasens über weite Strecken dagegen; die Gäste wurden mit zunehmender Spieldauer aggressiver, fast trotzig. "Wir müssen daraus lernen", sagte Schweitzer in der Pressekonferenz, "vor allem, dass schöne Pässe in der eigenen Hälfte keine Punkte bringen." Ferdinand Meyer konterte charmant: "Ich fand ihre Pässe ganz ansehnlich - bloß waren sie alle zu weit weg von unserem Tor." Während die Sonne über dem Stadion verschwand, stapften die Spieler in die Kabinen. Kunze, der Mann des Abends, zupfte noch einmal an seinem Trikot und meinte leise: "Zwei Tore sind schön, aber das nächste Mal will ich drei." Ein Satz, der in Wolfratshausen wohl noch öfter zitiert werden dürfte. Denn wenn dieser Teenager weiter so trifft, könnte es bald eng werden für die Regionalliga-Verteidiger - und für die Druckmaschinen der Sportredaktionen, die seinen Namen in Dauerschleife setzen müssen. So bleibt vom Abend das Gefühl, Zeuge eines kleinen Aufbruchs gewesen zu sein. Und irgendwo auf der Tribüne fragte ein Fan beim Hinausgehen: "Wie schreibt man eigentlich Kunze? Mit K oder mit Q?" - worauf sein Freund antwortete: "Ab heute mit Ausrufezeichen." 27.10.643999 11:43 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts