// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war eine dieser Nächte, in denen der Fußball seine grausame Poesie entfaltet. 21.722 Zuschauer im ehrwürdigen Marzahner Stadion hatten sich schon mit einem torlosen, aber leidenschaftlichen Remis abgefunden - als plötzlich, in der 94. Minute, ein junger Hamburger namens Evan Bosworth seine persönliche Heldenstunde erlebte. 0:1 am Ende, ein Ergebnis, das nüchtern aussieht, aber eine ganze Geschichte von verpassten Chancen, heldenhaften Abwehraktionen und einem dramatischen Finale erzählt. Die Partie zwischen dem FC Marzahn und dem Hamburger SC am 10. Spieltag der 3. Liga begann mit einem klaren Kräfteverhältnis: Hamburg hatte den Ball, Marzahn die Nerven. 59 Prozent Ballbesitz und 24 Torschüsse gegen gerade einmal drei der Hausherren sprechen eine deutliche Sprache. Trotzdem dauerte es bis tief in die Nachspielzeit, ehe der Favorit aus dem Norden das Siegtor fand. Schon die ersten Minuten zeigten, wohin die Reise ging. Hamburg kombinierte gefällig, ließ die Kugel laufen, als hätten sie sie zum Abendessen eingeladen. Nach fünf Minuten prüfte Fabian Kessler Marzahns Torwart Gani Kahveci erstmals ernsthaft - der Keeper lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. Trainer Frank Henning brüllte von der Seitenlinie: "Das war knapp! Leute, enger stehen!" Seine Mannschaft nahm das wörtlich und rückte so weit zusammen, dass man zeitweise glaubte, Marzahn spiele mit einer Menschenmauer statt einer Abwehrkette. Hamburgs Teenie-Sturm um den 20-jährigen Gerhard Merz und den 17-jährigen Serge Besson wirbelte in der Folge zwar unermüdlich, aber unpräzise. Besson musste nach 38 Minuten verletzt vom Platz - ein unglücklicher Zusammenprall mit Jacobsen. "Ich hab nur den Ball gesehen, ehrlich!", beteuerte der Marzahner später. Der Schiedsrichter sah es ähnlich, beließ es bei einer Ermahnung. Zur Halbzeit stand es 0:0, und einige Fans auf den Rängen tuschelten schon: "Wenn die so weitermachen, fällt hier höchstens noch ein Flutlicht aus." Doch Marzahn zeigte in Halbzeit zwei plötzlich mehr Mut. In der 62. Minute hatte Marco Jacob nach einem schnellen Konter die größte Chance des Spiels für die Gastgeber - sein Schuss aus 14 Metern jedoch landete direkt in den Armen von Hamburgs Torhüter Marco Ruiz, der danach theatralisch durchschnaufte, als hätte er gerade einen Elfmeter gehalten. Hamburg drückte, kombinierte, verzweifelte. Merz ballerte aus allen Winkeln (er allein verzeichnete sechs Torschüsse), Kessler zog aus der Distanz ab, und der junge Vitor Dominguez verteilte Bälle wie ein erfahrener Regisseur. "Wir wussten, irgendwann fällt einer rein", erklärte Trainer Bernd Happel nach dem Spiel mit einem fast entschuldigenden Lächeln. Und tatsächlich fiel er - aber eben spät. In der 94. Minute legte Dominguez aus dem Zentrum heraus quer auf den eingewechselten Evan Bosworth, der gerade einmal 18 Jahre alt ist, und der Engländer zog flach ab. Der Ball rauschte durch Freund und Feind hindurch ins lange Eck. Kahveci streckte sich vergeblich. Es war einer dieser Schüsse, bei denen man schon beim Abfeuern weiß: Der passt. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Bosworth später, "und gehofft, keiner steht im Weg." Trainer Happel nahm ihn danach in den Arm, während auf der anderen Seite Marzahns Coach Henning fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlug. "95 Minuten verteidigt, und dann so ein Ding. Fußball ist manchmal ein schlechter Witz", knurrte er in der Pressekonferenz. Noch bitterer: Kurz nach dem Tor sah Jacobsen Gelb, als er Bosworth beim Jubel unsanft bremste. "Reine Frustration", räumte der Verteidiger ehrlich ein. Statistisch gesehen war das Ergebnis fast überfällig - 24 zu 3 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Hamburg, dazu ein spielerischer Klassenunterschied. Aber der FC Marzahn hatte mit Herz verteidigt, mit Zähnen gekämpft und mit etwas Glück beinahe einen Punkt ergaunert. "Wenn man den Bus vor’s Tor stellt, muss man auch hoffen, dass keiner den Zündschlüssel findet", witzelte ein Hamburger Fan auf der Tribüne. Bosworth fand ihn - und startete in der Nachspielzeit den Motor. So bleibt für den FC Marzahn nur die Erkenntnis: Fußball kann grausam ehrlich sein. Und für den Hamburger SC? Ein Arbeitssieg, aber einer, der vielleicht mehr wert ist als ein Kantersieg. Denn wer in der 94. Minute gewinnt, der kann auch Meister werden - oder zumindest mit einem breiten Grinsen nach Hause fahren. Und irgendwo in der Kabine summte Bosworth leise: "Always believe in yourself." Keine schlechte Idee - nach so einem Abend. 22.09.643999 21:35 |
Sprücheklopfer
Tore Pedersen ist ein sehr guter Freund. Ich bin jetzt hier, um für ihn eine Frau zu finden.
Jan-Aage Fjörtoft über den Grund seines Wechsels zu Eintracht Frankfurt