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Es war einer dieser Abende, an denen man schon fast Mitleid mit dem Fußballgott bekommt. 1.828 Zuschauer im kleinen Stadion von Türkiyemspor 1978 erlebten ein Viertelfinale des Liga-Pokals (Regionalliga B), das alles hatte - bis auf das, was die Heimfans wollten: ein Tor für ihr Team. Stattdessen reiste der Gast aus Wolfratshausen mit einem 1:0-Sieg im Gepäck heim, erzielt in der 96. Minute, als viele schon an den Heimweg dachten. Das Spiel begann mit beiderseitigem Elan. Wolfratshausen, taktisch ausgewogen und mit jugendlicher Frische - der Altersdurchschnitt lag kaum über dem von Studenten in der Prüfungswoche - suchte früh den Abschluss. Bereits in der fünften Minute prüfte Cameron Featherstone den Türkyiemspor-Keeper Ingo Bosingwa mit einem strammen Schuss. Ata Mramor, Trainer der Heimmannschaft, raufte sich da schon das erste Mal die Haare. "Ich habe gesagt, Jungs, keine Geschenke heute", knurrte er später. "Aber anscheinend war Ostern früher als gedacht." Türkiyemspor hatte mehr Ballbesitz (knappe 53 Prozent) und kombinierte gefällig, doch im Strafraum herrschte kreative Funkstille. Matteo Botricello und Vratislav Kisel hämmerten in der Anfangsphase mehrfach aufs Tor - allerdings mehr in Richtung benachbarter Wohnhäuser. Die Fans lachten, der Trainer weniger. In der 33. Minute der erste Schock: Innenverteidiger Knut Marx blieb nach einem Zweikampf liegen, musste mit einer Verletzung raus. Für ihn kam Niko Münch. "Ich hab’ sofort gemerkt, das knackt", sagte Marx später unter Schmerzen. Münch, eigentlich Mittelfeldspieler, fand sich plötzlich in der Abwehr wieder - improvisiert, aber tapfer. Kurz vor der Pause sah Dries Zaman Gelb, weil er den Ball offenbar für einen Feind hielt. Zwei weitere Gelbe (Angelow in der 65., Sobolewski in der 67.) folgten - sinnbildlich für ein Spiel, in dem Türkiyemspor zwar kämpfte, aber selten die richtige Adresse für seine Energie fand. Auf der Gegenseite spielte Wolfratshausen geduldig. Trainer Ferdinand Meyer hatte seine Jungs auf "balanciertes Angriffsspiel" eingestellt - und das sah man. Kein wildes Pressing, keine Hektik, einfach warten, bis der Gegner müde wird. "Wir wussten, dass sie irgendwann aufmachen", grinste Meyer nach dem Spiel. "Und dann kommt unser Moment." Dieser Moment kam spät. Sehr spät. Die Nachspielzeit lief, die vierte Minute war schon fast durch, als der 19-jährige Ilkay Gündogan - nein, nicht der aus Manchester, aber fast so cool - den Ball am Strafraum bekam. Ein kurzer Doppelpass mit Featherstone, ein Drehschuss, und plötzlich war das Leder im Netz. 0:1. Ausgerechnet in Minute 96. Während die Wolfratshausener Spieler jubelnd in den Aprilhimmel sprangen, blieb Ata Mramor regungslos an der Seitenlinie stehen. "Ich dachte, der Schiri pfeift gleich ab", murmelte er später. "Dann pfeift er - aber leider nach dem Tor." Die Statistik erzählte danach eine fast tragische Geschichte: 13 Torschüsse für Türkiyemspor, 14 für Wolfratshausen - also ausgeglichen. Doch Effizienz ist keine Frage der Mathematik. Ballbesitz? Leichtes Plus für Türkiyemspor. Zweikampfquote? Minimal besser für Wolfratshausen, und manchmal sind es eben diese 2,3 Prozent Unterschied, die in Pokalnächten den Unterschied machen. Im Innenraum des Stadions herrschte nach dem Abpfiff eine Mischung aus Wut, Ungläubigkeit und Galgenhumor. "Wenn wir das Rückspiel genauso spielen, gewinnen wir 3:0", rief Jerzy Sobolewski in die Kabine. Darauf Matteo Botricello trocken: "Ja, wenn wir dann auch mal aufs Tor treffen." Wolfratshausen hingegen feierte ausgelassen. Die jungen Wilden tanzten, der Trainer spendierte jedem ein isotonisches Kaltgetränk, und Ilkay Gündogan (der Jüngere) grinste in die Kameras: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn man’s versucht, kann’s passieren. Wenn nicht, steht’s halt 0:0." So endet dieser Pokalabend mit einem Last-Minute-Schock für Türkiyemspor 1978, einem goldenen Moment für Wolfratshausen - und dem Beweis, dass Fußball manchmal ein grausam ehrlicher Sport ist: Wer seine Chancen nicht nutzt, bekommt in der Nachspielzeit die Quittung. Im Rückspiel in Wolfratshausen wird Türkiyemspor alles geben müssen, um das 0:1 wettzumachen. Trainer Mramor versprach jedenfalls kämpferisch: "Wir kommen nicht, um Blumen zu bringen - höchstens Dornen." Ein Abend, der zeigt: Fußball kann weh tun. Besonders, wenn der Schmerz erst in Minute 96 kommt. 06.09.643996 09:49 |
Sprücheklopfer
Che Guevara war ein Rebell, ein Kämpfer für sein Land. Das will ich auch sein. Ich will den Schwachen helfen. Das ist im Fußball genauso, da muss man den schwachen Gegner auch aufbauen. Das ist so eine eigene Logik von mir, dazu will ich gar nicht viel sagen.
Torsten Legat zu seiner Che Guevara-Tätowierung