Anpfiff
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Später Treffer schockt Kleve - Emsdetten jubelt in letzter Sekunde

Ein lauer Juniabend im Klever Stadion, 6.774 Zuschauer, Flutlichtromantik und ein Spiel, das man in der Regionalliga C wohl noch eine Weile besprechen wird. Der 1. FC Kleve unterlag Borussia Emsdetten mit 1:2 (0:1) - und das, obwohl der Gastgeber über weite Strecken wie der sichere Punktgewinner aussah. Doch dann kam die 95. Minute. Und ein junger Mann namens Vicente Jorge.

Die Partie begann, als viele Fans noch an der Pommesbude standen. Gerade einmal sechs Minuten waren gespielt, da nutzte Emsdettens Stürmer Jorge die erste echte Gelegenheit eiskalt. Nach feinem Zuspiel von Aad Van Cortlandt schob er den Ball überlegt ins lange Eck - 0:1. Trainer Nico Wolf ballte an der Seitenlinie die Faust, während Kleves Trainer Wilfried Kuhse nur trocken murmelte: "Wir wollten ja nicht zu früh wach sein."

Der FC Kleve brauchte eine Weile, um sich zu sammeln. Zwar verzeichnete das Team am Ende genauso viele Torschüsse wie der Gegner (12:12), doch in der ersten halben Stunde fehlte es an Zielstrebigkeit. Phillip Nagel prüfte Emsdettens Keeper Humberto Pauleta in der 5. Minute, Julian Feldmann zog kurz darauf aus der zweiten Reihe ab - beides ohne Erfolg. "Wir haben uns den Ball schön hin- und hergeschoben, aber die Tore wollten einfach nicht mitspielen", sagte Kleves Rechtsaußen David Meissner später mit einem bitteren Lächeln.

Emsdetten, von Beginn an eher defensiv eingestellt, lauerte auf Konter. Das passte zur taktischen Grundordnung: defensive Ausrichtung, ausgewogenes Angriffsspiel, kein Pressing. Es wirkte fast stoisch, wie die Gäste die Klever Angriffe abfederten. "Wir wussten, dass Kleve gerne den Ball hat. Also ließen wir sie", erklärte Wolf später augenzwinkernd. "Ballbesitz ist schön - aber Tore zählen halt mehr."

Nach dem Seitenwechsel kam Kleve mit Schwung zurück. In der 51. Minute war es dann soweit: Michael Zander verwandelte eine präzise Hereingabe von Nagel zum 1:1. Der Jubel war groß, der Glaube an die Wende greifbar. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Spiel. So einer kann uns tragen", sagte Trainer Kuhse nach der Partie. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

Die Partie blieb offen, temporeich und erstaunlich fair. Nur eine Szene sorgte kurz für Aufregung: In der 67. Minute verletzte sich Emsdettens Linksverteidiger Olav Kühne und musste durch den jungen Hugo Semedo ersetzt werden. Der 20-Jährige machte seine Sache ordentlich - "Ich hatte noch nie so viele Flanken ins Nichts geschlagen", witzelte er später.

Kleve drückte, hatte Chancen: Nagel scheiterte gleich dreimal (67., 73., 76.), Zander setzte noch einen Schuss in die Wolken. Doch die Borussia blieb gefährlich. Besonders Jorge, der unermüdlich vorne lauerte und in der 77. Minute sowie in der Nachspielzeit abermals zum Abschluss kam. Und dann, als viele schon die Punkteteilung in der Tasche wähnten, kam der Moment, der den Unterschied machte.

95. Minute: Humberto Futre setzte sich auf links durch, legte quer - und Jorge vollendete mit dem Selbstbewusstsein eines Routiniers. Doppelpack, 1:2, Schlusspfiff. Emsdettens Bank explodierte, Kleves Spieler sanken auf die Knie.

"Das ist Fußball", seufzte Kuhse, der nach Abpfiff noch minutenlang an der Seitenlinie stand. "Wenn du in der 95. Minute verlierst, kannst du nur hoffen, dass wenigstens der Bus pünktlich abfährt." Sein Gegenüber Wolf grinste: "Ich hatte das Gefühl, Vicente wollte einfach nicht aufhören zu rennen. Da musste ja was passieren."

Statistisch gesehen war das Spiel ausgeglichen: Beide Teams mit je 12 Torschüssen, Emsdetten leicht überlegen im Ballbesitz (53 zu 47 Prozent) und in den Zweikämpfen (51 zu 49 Prozent). Doch entscheidend war am Ende die Effizienz. Zwei Chancen mehr genutzt - das reicht manchmal, um aus einem zähen Abend einen Festtag zu machen.

Für den 1. FC Kleve bleibt die Erkenntnis: Offensiver Mut allein bringt keine Punkte, wenn man sich am Ende von einem 21-jährigen Portugiesen zweimal überrumpeln lässt. Emsdetten hingegen darf träumen - von höheren Tabellenregionen und vielleicht sogar von einer Saison, die mehr verspricht als nur solide Abwehrarbeit.

Und irgendwo im Klever Stadion hallte noch lange nach dem Abpfiff ein leicht resigniertes "Nicht schon wieder in der Nachspielzeit!" - begleitet vom zufriedenen Pfeifen der Emsdettener Fans, die sich wohl dachten: Wer zuletzt trifft, hat immer recht.

16.12.644002 04:03
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