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Wenn 4467 Zuschauer an einem lauen Juniabend ins Stadion kommen, um Regionalliga-Fußball zu sehen, erwarten sie vielleicht Kampf, Leidenschaft, vielleicht auch mal ein Tor. Was sie am 11. Spieltag zwischen Blau Weiß Bochum und FK Pirmasens geboten bekamen, war allerdings ein wilder Ritt durch alle Höhen und Tiefen des Sports - ein 4:4, das man eher auf einer Konsole als auf echtem Rasen vermutet hätte. Schon nach 20 Minuten stand es 1:1. Zunächst hatte Fabian Brand (19.) die Bochumer in Führung gebracht - ein wuchtiger Abschluss nach klugem Pass von David Hoffmann. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Brand später, "und gehofft, dass der Ball nicht auf der Tribüne landet." Hoffnung erfüllt - und wie. Doch kaum hatten die Fans den Torjubel beendet, zappelte der Ball auf der anderen Seite im Netz: Dani Tabenkin (20.) glich postwendend aus, nach Vorarbeit von Rechtsverteidiger Ulf Eriksen. Das Tempo blieb hoch, die Defensivreihen beider Teams dagegen erstaunlich unbeeindruckt von der Existenz des Begriffs "Ordnung". In der 29. Minute schlug Alexander Satchmore für Pirmasens zu, bevor Brand (35.) erneut traf und mit seinem zweiten Streich den Pausenstand von 2:2 herstellte. "Wir hätten auch 5:5 in die Kabine gehen können", murmelte ein Zuschauer hinter der Pressetribüne, während er seine Currywurst neu ausbalancierte - und Unrecht hatte er nicht. Nach dem Seitenwechsel ging es munter weiter. Dani Tabenkin (53.) markierte das 3:2 für die Gäste, mit freundlicher Unterstützung von Noah Specht. Drei Minuten später konterte Bochums Oldie Valeri Kapustin (56.) - 34 Jahre alt, aber mit Schusskraft eines Mittelstürmers im besten Alter - zum 3:3. Das Publikum tobte, und wer kurz blinzelte, verpasste schon den nächsten Treffer: Satchmore (57.) legte sofort wieder nach, ehe Goran Pivaljevic (72.) das letzte Kapitel dieses Torfestivals schrieb und den Endstand von 4:4 erzielte. "Ich weiß gar nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll", sagte Bochums Trainer nach dem Spiel mit einem gequälten Lächeln. "Acht Tore sind natürlich schön - aber vier davon im eigenen Netz? Das ist wie ein Buffet, bei dem man hinterher merkt, dass man allergisch auf die Hälfte war." Seine Jungs hatten mit 52,7 Prozent Ballbesitz zwar etwas mehr Kontrolle, doch Pirmasens feuerte gleich 17 Schüsse aufs Tor ab - elf waren es bei Bochum. Die Gäste präsentierten sich bissig, manchmal zu sehr: Gelbe Karten für Eriksen (41.) und Bernier (48.) zeugten von der robusten Gangart. Bochum hielt mit Andre Weis (68.) als Eintrag in die Verwarnungsliste dagegen. Trotzdem blieb das Spiel fair, auch wenn man sich beim ein oder anderen Zweikampf fragte, ob der Ball überhaupt noch eine Rolle spielt. Trainerin Gudrun Schweitzer vom FK Pirmasens zeigte sich nach dem Schlusspfiff erstaunlich gelassen: "Ich hab irgendwann aufgehört mitzuzählen. Hauptsache, wir haben nicht verloren. Und wenn das Publikum Spaß hatte, haben wir auch ein bisschen gewonnen." Ihr Team spielte taktisch diszipliniert, meist im ausgewogenen Stil, und drehte in der Schlussphase auf offensiv - Pressing inklusive. In der 91. Minute hätte Alexander Satchmore beinahe den Sieg klargemacht, sein Schuss aber landete in den Armen von Bochums Keeper Connor Irwin. Der drehte sich danach zu seinem Abwehrchef und rief: "Ich hab ihn! Endlich mal!" - was ironischerweise im Applaus des Publikums unterging. Am Ende blieb ein Spiel, das niemand so schnell vergessen wird. Vier Tore pro Team, drei Doppeltorschützen (Brand, Satchmore, Tabenkin), ein Gefühl von Achterbahnfahrt. Wer Struktur suchte, fand Chaos; wer Unterhaltung wollte, bekam sie im Überfluss. "So was siehst du nicht oft", sagte ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions. "Und ehrlich gesagt - mein Herz braucht das auch nicht jede Woche." Ein 4:4, das in die Kategorie "verrückt, aber schön" fällt - und das wohl noch lange Stoff für Stammtischdiskussionen liefern wird. Oder, um es mit Fabian Brand zu sagen: "Wenn wir schon keine Punkte sammeln, dann wenigstens Applaus." 11.02.644003 23:08 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund