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Es war ein lauer Maiabend in Mülheim, aber auf dem Rasen des VfB Speldorf ging’s heiß her. 4665 Zuschauer sahen am 31. Spieltag der Regionalliga C ein Spiel, das von der ersten Minute an nur eine Richtung kannte: nach vorne, und zwar für die Gastgeber. 21 Torschüsse, 58 Prozent Ballbesitz, zwei Tore - und ein Platzverweis, der fast zum Stimmungskiller geworden wäre. Doch der Reihe nach. Speldorf begann, als wolle man die Gäste aus Brandenburg gar nicht erst an den Ball lassen. Schon in der ersten Minute prüfte Mario Demo den jungen Gästekeeper Jonas May, der an diesem Abend vermutlich mehr Schüsse abbekam als so mancher Schießbudenbetreiber auf der Kirmes. "Ich hab’ irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte May nach dem Spiel, "aber ich glaub, es waren alle elf von denen einmal dran." Der Druck zahlte sich in der 19. Minute aus: Nach einer Ecke von Giulio Mango de Aquino stieg Innenverteidiger Sebastian Brzeczek hoch und köpfte wuchtig zum 1:0 ein. Der Jubel war groß, und Trainer Jakob Meier drehte sich mit einem Grinsen zur Bank: "So haben wir das gestern im Videospiel geübt!" Von Brandenburg kam derweil - nichts. Ein einziger Torschuss im gesamten Spiel, abgegeben von Linus Vogel in der 63. Minute, und das war’s. "Wir wollten offensiv spielen", sagte Gästecoach Christopher Kurz später, "aber irgendwie hat die Mannschaft das wohl zu wörtlich genommen - sie war die ganze Zeit vorn, nur der Ball blieb hinten." Speldorf blieb dominant, ließ Ball und Gegner laufen. Hermann Schenk und Aitor Melendez zogen im Mittelfeld die Fäden, während auf den Flügeln die Spanier Jesus Urban und Asier Espriu ordentlich Betrieb machten. Es war ein Geduldsspiel - das zweite Tor wollte einfach nicht fallen. Erst direkt nach Wiederanpfiff, in der 46. Minute, platzte der Knoten: Urban bediente Espriu mustergültig, und der schob überlegt zum 2:0 ein. So einfach kann Fußball sein, wenn man ihn spielen lässt. "Ich hab’ nur gedacht: Endlich!", grinste Espriu nach dem Spiel. "Die ganze erste Halbzeit hab ich mich gefragt, ob das Tor vielleicht kleiner ist als sonst." Ab da war klar: Brandenburg würde hier nichts mehr reißen. Speldorf verwaltete das Ergebnis, kombinierte weiter gefällig - und leistete sich erst kurz vor Schluss den einzigen Patzer: In der 79. Minute sah Rechtsverteidiger Morten Nilsen nach einem übermotivierten Einsteigen glatt Rot. "Er hat halt Temperament", sagte Trainer Meier achselzuckend. "Lieber so, als wenn er schläft." Selbst in Unterzahl blieb Speldorf Herr im Haus. Brandenburg schaffte es nicht, aus der Überzahl Kapital zu schlagen. Stattdessen kassierte Christoph Will in der Nachspielzeit noch eine Gelbe Karte - sinnbildlich für einen Abend, an dem bei den Gästen gar nichts funktionieren wollte. "Wir haben versucht, unser Spiel aufzuziehen", erklärte Kurz trocken, "aber Speldorf hat einfach alles dichtgemacht. Und wenn du dann auch noch keinen zweiten Ball gewinnst, sieht’s halt aus wie heute." Statistisch betrachtet war das Spiel eine klare Angelegenheit: 21:1 Torschüsse, 59 Prozent Ballbesitz, 59 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Brandenburg kam kaum über die Mittellinie hinaus, und Speldorf hätte das Ergebnis locker höher gestalten können, hätte die Offensive nicht zu oft den Schönheitspreis gesucht. Im Stadion herrschte dennoch beste Laune. Einige Fans stimmten schon zehn Minuten vor Abpfiff "Auswärtssieg"-Parodien an, während der Stadionsprecher nach dem Schlusspfiff augenzwinkernd verkündete: "Der Gast hat sich bemüht." VfB-Trainer Meier zeigte sich zufrieden: "So ein Spiel musst du erstmal so souverän runterspielen. Wir haben strukturiert, ruhig und mit Plan agiert - na gut, bis zur 79. Minute." Dann lachte er und fügte hinzu: "Morten schuldet mir jetzt einen Kasten." Der Held des Abends, Innenverteidiger Brzeczek, wurde von den Fans gefeiert. "Ich wollte eigentlich gar nicht mit nach vorn gehen", sagte er bescheiden, "aber Giulio hat so geschrien, da dachte ich, irgendwas muss ich tun." Sein Kopfballtor brachte Speldorf auf Kurs - und seine Abwehrleistung sorgte dafür, dass Torwart Altomonte einen ruhigen Abend verbrachte. So endete ein Spiel, das nie wirklich spannend, aber stets unterhaltsam war. Der VfB Speldorf siegte 2:0, mit Stil, mit Witz - und trotz eines Platzverweises. Brandenburg dagegen fuhr mit einer Lehrstunde im Gepäck nach Hause. Oder wie ein älterer Herr auf der Tribüne beim Hinausgehen sagte: "Wenn du nur einmal aufs Tor schießt, darfst du dich über null Tore nicht wundern." Recht hat er. 03.06.644000 15:35 |
Sprücheklopfer
Das ist Schnee von morgen.
Jens Jeremies