Anpfiff
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Weiler im Allgäu überrascht Osnabrück - späte Treffer schocken die Bremer Brücke

Ein lauer Maiabend, 4.750 Zuschauer, Flutlicht an der Bremer Brücke - und am Ende Gesichter, die man eher nach einem Zahnarzttermin erwartet. Eintracht Osnabrück verliert am 3. Spieltag der 3. Liga mit 0:2 gegen den Außenseiter Weiler im Allgäu. Zwei späte Tore entschieden ein Spiel, das lange auf Messers Schneide stand - oder, um ehrlich zu sein, auf einer stumpfen Rasierklinge lag.

Dabei begann alles wie so oft in Osnabrück: engagiert, mutig, mit viel Ballbesitz - aber ohne jede Durchschlagskraft. 51 Prozent Ballbesitz, exakt ein Torschuss aufs Gehäuse, das ist in der modernen Fußballsprache so etwas wie "Wir haben’s versucht". Trainer Bo Heider brachte es später trocken auf den Punkt: "Wir wollten den Gegner laufen lassen, aber irgendwann sind wir halt selbst müde geworden."

Weiler im Allgäu dagegen kam mit einem klaren Plan und einer bemerkenswerten Portion Selbstbewusstsein. Schon in der 7. Minute prüfte Samuel Erskine Osnabrücks Keeper Hans Braun, und in den folgenden 20 Minuten machten Jürgen Linke und Co. weiter, als hätten sie den Ball für sich gepachtet. Vierzehn Torschüsse am Ende sprechen Bände. Doch zunächst blieb es beim 0:0 - auch, weil Weilers junger Mittelstürmer Tomasz Stoll gleich zweimal in aussichtsreicher Position am glänzend reagierenden Braun scheiterte.

"Ich hab’ irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich daneben gezielt hab", grinste Stoll nach dem Spiel. "Aber Coach Raiola meinte in der Kabine, Hauptsache, wir schießen überhaupt." Eine Philosophie, die sich auszahlen sollte.

Nach einer ereignisarmen ersten Hälfte sah es lange so aus, als würde auch die zweite Halbzeit torlos bleiben. Osnabrück kämpfte, rannte, und Marco Pelayo setzte kurz vor der Pause immerhin den einzigen echten Heim-Torschuss des Abends ab - ein flatternder Versuch, der Weilers 19-jährigen Keeper Hanns Peter allerdings kaum aus der Ruhe brachte.

Dann kam die Schlussphase, und mit ihr das Drama. In der 82. Minute zog der eingewechselte Ben Meister, 20 Jahre jung, nach einem feinen Zuspiel von James Hoskins von links nach innen und traf trocken ins lange Eck. 0:1 - und plötzlich war es mucksmäuschenstill an der Brücke. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er reingeht", sagte Meister später, "ich wollte eigentlich flanken." Manchmal schreibt der Fußball halt seine eigenen Drehbücher.

Nur drei Minuten später war der Drops gelutscht. Emil Musiala, der über 90 Minuten das Mittelfeld dominierte, fasste sich ein Herz und zimmerte den Ball aus 20 Metern unhaltbar unter die Latte - 0:2. Während Weilers Bank in einem kollektiven Freudentaumel versank, schlich Trainer Heider wortlos an der Seitenlinie entlang.

In der Schlussminute wurde es dann noch hitzig. Der 17-jährige Weiler-Linksverteidiger Bernd Maass sah nach einem übermotivierten Einsteigen glatt Rot. "Er wollte nur zeigen, dass er keine Angst vor großen Namen hat", verteidigte ihn sein Coach Mino Raiola, der nach Spielende mit einem verschmitzten Lächeln zur Presse kam. "Wenn du in Osnabrück gewinnst, darfst du dich auch mal einen Moment wie Pep fühlen."

Osnabrücks Pechvogel Taylor Hawn musste verletzt raus - in der Nachspielzeit humpelte er vom Platz, während Pierre Grenier als letzter Wechsel ohne jede Chance auf Wunder eingewechselt wurde. Zwei Gelbe Karten für Buettner (69.) und Afanassenkow (80.) rundeten einen Abend ab, der für die Lila-Weißen wohl schnell abgehakt wird.

"Wir haben’s uns selbst schwer gemacht", meinte Kapitän Cameron Armstrong. "Wenn du den Ball hast, aber nichts draus machst, dann kriegst du irgendwann die Quittung. Heute war sie fett gedruckt."

Weiler im Allgäu dagegen feierte ausgelassen. In der Kabine soll lautstark Volksmusik gelaufen sein - "aus Trotz", wie Torschütze Musiala lachend erklärte. "Wir wollten die Norddeutschen ein bisschen ärgern."

Unterm Strich: ein verdienter Sieg für die Gäste, die mit jugendlicher Frische und unerschrockenem Offensivgeist überzeugten. Osnabrück hingegen bleibt weiter auf der Suche nach einem klaren Plan - oder wenigstens nach einem zweiten Torschuss.

Und so hallte nach Abpfiff noch lange ein sarkastischer Kommentar eines älteren Fans durch die Nacht: "Wenn wir so weitermachen, reicht der Ballbesitz bald für einen Punkt." Ironie, die weh tut - fast so sehr wie das Ergebnis.

20.11.644002 20:11
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