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Es gibt Spiele, die beginnen mit einem vorsichtigen Abtasten - und es gibt Spiele wie dieses: DJK Rosenheim gegen Weiler im Allgäu, 34. Spieltag der 3. Liga. Anstoß um 20:30 Uhr, Flutlichtstimmung, 9176 Zuschauer, die noch ahnten, dass sie Zeugen einer kleinen Lehrstunde werden würden. Nach 90 Minuten stand ein 1:5 auf der Anzeigetafel - und die Rosenheimer wirkten, als hätten sie versehentlich einen Schnellkurs "Effizienz im modernen Fußball" gebucht. Weiler im Allgäu begann, als gäbe es kein Morgen. Schon früh zeigte sich ihr Offensivdrang, und in der 19. Minute klingelte es erstmals: Michael Siebert, der rechte Wirbelwind, drosch den Ball nach Vorlage von Oliver Breadalbane trocken ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Siebert später. "War ja Platz genug." Und tatsächlich - Rosenheims Abwehr hatte zu diesem Zeitpunkt ungefähr so viel Ordnung wie eine Teenagerküche am Montagmorgen. Nur neun Minuten später legte Jannick Fritsch nach. Der bullige Mittelstürmer setzte sich im Strafraum durch wie ein Panzer auf Sommerfahrt, bedient von Nick Scherer. 0:2, und die Köpfe der Rosenheimer hingen bereits. Trainer Kamil Breer rief von der Seitenlinie: "Bleibt ruhig!", aber seine Jungs wirkten eher wie eine Schülerband, der plötzlich das Mikro ausgefallen ist. In der 43. Minute dann der nächste Nackenschlag: Linus Berger, der alte Haudegen auf der linken Seite, vollendete eine Flanke von Bernd Jahn zum 0:3-Pausenstand. "Das war schon brutal effizient", gestand Breer später, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. "Wir hatten mehr Ballbesitz, aber die hatten einfach mehr Tore." Tatsächlich: 54 Prozent Ballbesitz für Rosenheim, aber Weiler schoss doppelt so oft aufs Tor - 15:7 laut Statistik. Nach dem Seitenwechsel kam kurz Hoffnung auf. In der 52. Minute schaffte Marwin Caron, 17 Jahre jung, den Ehrentreffer. Nach schöner Vorarbeit von Srdan Pantelic traf er flach ins lange Eck. Der Jubel war ehrlich, aber kurz: Fritsch hatte noch nicht genug. Sieben Minuten später war wieder er zur Stelle, wieder nach Zuspiel von Scherer - 1:4 insgesamt für den Mann mit der Nummer 9. "Wenn der Fritsch so weitermacht, kann er bald seine eigene Torwand aufstellen", witzelte Weilers Trainer Mino Raiola nach dem Spiel, sichtlich zufrieden. "Wir wollten offensiv spielen, und das hat funktioniert. Wobei - fünf Tore hätte ich auch nicht erwartet." Rosenheim versuchte es weiter, doch jeder Angriff endete entweder in den Armen von Weilers Keeper Hanns Peter oder in den Beinen der eigenen Nervosität. In der 84. Minute sah Carles Barros noch Gelb - sinnbildlich für einen Abend, der längst verloren war. Und als Fritsch in der 86. Minute seinen dritten Treffer erzielte, diesmal nach einem Pass des Innenverteidigers Damian Rueda (!), konnte man auf der Rosenheimer Bank nur noch applaudieren. Ironisch zwar, aber immerhin. Nach dem Schlusspfiff zeigten sich die Gäste in Feierlaune. "Das war ein Statement", meinte Doppeltorschütze (eigentlich Dreifachtorschütze) Fritsch, während er seinen Kollegen Siebert auf die Schulter klopfte. "Wir haben gezeigt, dass wir Fußball spielen können - und nicht nur Rasen umgraben." Ganz anders die Stimmung bei der DJK. Trainer Breer rang um Fassung: "Manchmal ist Fußball einfach grausam. Wir hatten die besseren Werte, aber sie haben die Tore gemacht. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal einfach weniger denken und mehr treffen." Taktisch war das Spiel ein Musterbeispiel für Kontrastprogramme: Weiler offensiv, zielstrebig, mit kurzen Pässen und dem Mut zum Abschluss. Rosenheim dagegen ausgewogen, aber ohne Punch. Pressing? Fehlanzeige. Die Gäste nutzten das gnadenlos, wie ein Fuchs, der gelernt hat, dass der Hühnerstall offen steht. Am Ende blieb den Rosenheimern nur der Trost, dass ihre Mannschaft jung ist - sehr jung. Gleich mehrere 17- und 18-Jährige standen auf dem Platz, und vielleicht war es einfach ein Abend, an dem Erfahrung den Unterschied machte. "Manchmal musst du verlieren, um zu lernen", sagte Youngster Caron mit erstaunlicher Reife. "Aber fünf Stück sind schon eine harte Nachhilfe." So verabschiedete sich das Publikum mit gemischten Gefühlen: Enttäuschung über das Ergebnis, aber auch Staunen über die Spielfreude der Gäste. Fazit: Weiler im Allgäu spielte wie ein Team, das seine Sommerpause schon gebucht, aber vorher noch Lust auf ein Torfestival hatte. Rosenheim dagegen muss weiter lernen, dass Ballbesitz allein noch keine Punkte druckt - selbst wenn man 54 Prozent davon hat. Oder wie ein alter Stadionsprecher beim Verlassen der Tribüne murmelte: "Wenn’s nach Statistik ginge, hätte Rosenheim gewonnen. Aber Fußball ist halt kein Excel." 17.07.644000 12:43 |
Sprücheklopfer
Wenn ich über das Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er.
Berti Vogts