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Es gibt Fußballspiele, bei denen man sich fragt, ob der Gegner den Weg ins Stadion gefunden hat. 12.639 Zuschauer in Weiler im Allgäu sahen am Freitagabend eines dieser Spiele - und sie dürften sich noch lange daran erinnern, wie Viktoria Thiede mit 0:1 verlor, ohne auch nur einen einzigen Torschuss zu wagen. Ja, null. Nicht "kaum", nicht "wenig", sondern schlicht: null. Weiler dagegen feuerte, als gäbe es Prämien für jeden Ballkontakt in Tornähe. 23 Torschüsse, endloses Anrennen und ein Trainer Mino Raiola, der an der Seitenlinie mehr Kilometer machte als mancher seiner Mittelfeldspieler. Am Ende reichte ein einziger Treffer von Diego Morte in der 39. Minute, um den Abend zu vergolden. "Ich wollte den Ball eigentlich flanken", grinste der 20-Jährige nach Abpfiff, "aber warum nicht mal Glück haben?" Schon die ersten Minuten ließen keinen Zweifel daran, wer hier Chef im Ring war. Nael Aznar prüfte Thiedes jungen Keeper Luke Armstrong gleich zweimal in den ersten fünf Minuten - der 19-Jährige parierte tapfer, sah aber zunehmend aus, als würde er die zweite Halbzeit nur noch mit einer Stoßgebet-App überstehen. Dimas Allegri, Jannick Fritsch, Jürgen Linke: sie alle reihten sich in die Schützenparade ein. Thiede dagegen? Eher Zuschauer mit Trikot. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Viktoria-Coach (dessen Name im offiziellen Spielbericht seltsam fehlte) nach der Partie. "Hat ja auch geklappt - bis zum Tor." Da hatte Weilers linker Flügelläufer Diego Morte genug gesehen. Nach einer dieser unzähligen Wellen über den linken Flügel zog er trocken aus 18 Metern ab, und der Ball zischte ins lange Eck. Ein Tor, das so unerwartet kam, wie verdient es war. Raiola jubelte mit demonstrativer Gelassenheit, klatschte aber dann doch einem Balljungen ab - was ungefähr das Emotionale Maximum eines Mannes ist, der sonst Transfersummen wie Herzfrequenzen behandelt. "Die Jungs haben’s verstanden", sagte er hinterher. "Offensiv bleiben, Torchancen suchen. Auch wenn’s 30 braucht, bevor einer reingeht." Zur Halbzeit führte Weiler 1:0 - und Viktoria Thiede hatte bis dahin immerhin den Anstoß ausgeführt. Danach wurde’s nicht besser. Die Gäste blieben ihrer "balanced"-Taktik treu, die in diesem Fall bedeutete: halbherzig nach vorne, halbherzig nach hinten. Kein Pressing, kein Mut, kein Schuss. Der Ballbesitz von 43 Prozent fühlte sich an wie eine Mitleidsstatistik. Weiler dagegen blieb im Dauerangriff. Zwischen der 47. und 58. Minute hagelte es weitere sechs Abschlüsse - Armstrongs Handschuhe dürften danach ein Fall für die Waschmaschine gewesen sein. Aznar, Linke, Allegri: sie schossen aus allen Lagen, als wollten sie den Ball hypnotisieren. Fritsch vergab freistehend in der 74. Minute, schüttelte den Kopf und murmelte: "Wenn der nicht drin ist, heirate ich die Latte." Die Emotionen kochten nur kurz hoch, als Damian Rueda in der 43. Minute Gelb sah - und später Eilert Olsson (65.) nach einem rustikalen Einsteigen in die Werbebande folgte. "Alles sauber, alles fair", kommentierte Raiola trocken, "wir haben ja den Ball gehabt." Auf der anderen Seite kassierte Thiedes Luka Thiele ebenfalls Gelb - wohl als Zeichen, dass er zumindest mal in die Nähe eines Gegners gekommen war. Zur Stunde 60 brachte Raiola frische Beine: Heinrich Foerster, Michael Siebert und Asen Todorow kamen rein. Siebert fügte sich prompt ein und jagte den Ball in der 68. Minute knapp übers Tor. Foerster sortierte das Mittelfeld, Todorow räumte hinten auf - sofern es überhaupt etwas aufzuräumen gab. Thiedes Trainer stand derweil an der Seitenlinie und sah aus, als überlege er, ob man nicht einfach auf Elfmeterschießen umstellen könne. Nach dem Schlusspfiff klang er fast poetisch: "Wir haben defensiv gut gearbeitet. 1:0 ist ja knapp." Nun ja - knapp im Ergebnis vielleicht, aber spielerisch war’s eher eine Landkarte des einseitigen Fußballs. Weiler im Allgäu sichert sich damit drei Punkte, die sie sich redlich erarbeitet, ja erzwungen haben. Ballbesitz 56 Prozent, Zweikampfquote knapp 60, Torschüsse 23:0 - Zahlen, die wie ein Monolog wirken. "Wenn wir so weiterspielen, müssen wir irgendwann 5:0 gewinnen", meinte Torhüter Hanns Peter Peter (ja, der tatsächlich zweimal Peter heißt) augenzwinkernd. "Aber mir gefällt’s auch so - zu null ist zu null." Und so ging ein Abend zu Ende, an dem Weiler stürmte, Thiede stand und die Statistik sprach. Für die Fans gab’s nur eine Frage: Wenn das schon so dominant war - wie sieht das erst aus, wenn sie anfangen, richtig zu treffen? Bis dahin bleibt das Fazit: Weiler im Allgäu gewinnt 1:0, Thiede verliert 0:1, und irgendwo in der Kabine summt Diego Morte leise: "Ich wollte ja eigentlich flanken." 27.10.643999 09:18 |
Sprücheklopfer
Wenn wir am Samstag, sagen wir mal 17:20 Uhr, Deutscher Meister sind, dann können wir feiern bis zur Kreislaufstörung.
Rainer Calmund