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Ein lauer Aprilabend in Wusterwitz, Flutlicht, 5743 Zuschauer, Bratwurstduft - und am Ende ein Spiel, das man hier wohl noch in Jahren erzählen wird. Der FC Wusterwitz gewinnt am 26. Spieltag der Regionalliga B mit 4:3 gegen Türkiyemspor 1978, nachdem die Gäste zur Pause bereits 3:2 vorne lagen. Ein Drama in zwei Akten, mit allem, was dazugehört: jungen Wilden, alten Hasen, und einem Publikum, das irgendwann einfach nur noch schrie. "Ich hab’ in der Halbzeit gesagt: Lasst uns einfach weitermachen - aber bitte in die richtige Richtung", grinste Wusterwitz-Trainer Tom Fritz nach dem Schlusspfiff. Seine Mannschaft hatte es nötig, denn die erste Hälfte war ein wilder Ritt. Walther Buchholz, gerade einmal 20 und schon Mittelfeldmotor, brachte die Hausherren in der 32. Minute in Führung. Keine 60 Sekunden später glich Matteo Botricello für Türkiyemspor aus - eiskalt, nach Vorarbeit von Jiri Pudil. Dann brach es über Wusterwitz herein: Nelio Valente (40.) und der bullige Mittelstürmer Radek Danek (43.) trafen für die Gäste, die zu diesem Zeitpunkt alles im Griff zu haben schienen. "Wir waren klar besser, dachten wir", knirschte Türkiyemspor-Coach Ata Mramor später. "Aber Fußball ist manchmal wie Backgammon - du würfelst gut, verlierst trotzdem." Denn Wusterwitz gab sich nicht geschlagen. Noch vor der Pause drosch der 19-jährige Luca Philipp den Ball nach feiner Flanke von Rechtsverteidiger Finn Kern zum 2:3 unter die Latte (45.). Ein Treffer, der das Stadion elektrisierte - und offenbar auch die Pausenansprache von Fritz. Zur zweiten Halbzeit kam die Jugend - Ralf Meiser und der quirlige Nico Behrendt ersetzten die müden Beine von Marko Weise und Johann Zander. Und plötzlich wirkte Wusterwitz wie ausgewechselt. Mehr Druck, mehr Tempo, mehr Risiko. In der 52. Minute war es Werner Runge, der nach Pass von Curt Fröhlich den Ball mit der Innenseite ins lange Eck schob - 3:3. Türkiyemspor, das bis dahin mit 50,4 Prozent Ballbesitz leicht dominierte, wirkte plötzlich schwerfällig. Der verletzungsbedingte Ausfall von Jerzy Sobolewski (58.) tat sein Übriges. "Ich hab’s im Oberschenkel knacken gehört", murmelte der Pechvogel später in der Mixed Zone. Ersatzmann Niko Münch kam, aber das Spiel war da längst gekippt. In der 65. Minute explodierte das Stadion endgültig: Hanns Konrad hämmerte nach klugem Doppelpass mit Runge den Ball zum 4:3 ins Netz. Danach rannte alles, was Beine hatte, zum Torschützen. "Ich hab kurz gedacht, ich krieg keine Luft mehr - nicht vom Rennen, vom Jubel", lachte Konrad später. Türkiyemspor versuchte in der Schlussphase noch einmal alles, wechselte offensiv, presste mutig und spielte weiter auf Risiko - das passte zur aggressiven Ausrichtung, mit der sie begonnen hatten. Doch die Wusterwitzer Abwehr hielt, Keeper Phillip Zimmermann faustete alles weg, was irgendwie nach Ball aussah. "Ich hab nur noch Schatten gesehen", gab er zu. Statistisch betrachtet war’s fast ein Wunder, dass Türkiyemspor überhaupt so lange führte: Nur vier Torschüsse, aber drei Treffer - Effizienz auf Champions-League-Niveau. Wusterwitz dagegen feuerte 15 Mal aufs Tor, traf viermal und hätte noch höher gewinnen können. Die Fans sangen sich in Ekstase, ein älterer Zuschauer schrie nach dem Schlusspfiff: "So ein Spiel hab ich seit ’89 nicht mehr gesehen!" - und das war vermutlich keine Übertreibung. Trainer Fritz aber blieb auf dem Boden: "Wir haben heute Charakter gezeigt. Und dass die Jungs mit 19 oder 20 so cool bleiben, das macht mich stolz." Sein Gegenüber Mramor schüttelte derweil nur den Kopf: "Vier Tore aus dem Nichts - das kannste keinem erzählen. Aber vielleicht war’s einfach ihr Abend." War es. Und was für einer. Der FC Wusterwitz gewinnt 4:3 (2:3), dreht ein fast verlorenes Spiel und schreibt ein kleines Stück Vereinsgeschichte. Und als die Flutlichter langsam erloschen und die letzten Fans an der Würstchenbude anstanden, hörte man einen Ordner sagen: "Wenn die so weiterspielen, brauch ich bald Gehörschutz." - Vielleicht das ehrlichste Fazit des Abends. 15.11.643996 03:59 |
Sprücheklopfer
Das war die erste Gelb-Rote Karte gegen uns, bei der ich grinsen musste.
Stefan Effenberg zum Platzverweis von Oliver Kahn nach dessen Handtor in Rostock