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35513 Zuschauer im Estadio Diego Armando Maradona erlebten an diesem Freitagabend ein Spiel, das sich erst zögernd entfaltete und dann plötzlich in einen Wirbel aus Chancen, Emotionen und jugendlichem Übermut verwandelte. Am Ende stand ein 1:2 aus Sicht der Argentinos Boys - ein Ergebnis, das Heimtrainer und Fans gleichermaßen ratlos zurückließ. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Die Boys, taktisch gewohnt ausgewogen, ließen den Ball zirkulieren, als wollten sie den Frühling heraufbeschwören. 58 Prozent Ballbesitz, neun Torschüsse - Zahlen, die eigentlich für mehr hätten reichen müssen als das eine Tor von Jaime Almeida in der 40. Minute. Der flinke Rechtsaußen vollendete nach einem feinen Zuspiel von Jorge Muno mit der Präzision eines Chirurgen. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Almeida später und fügte mit einem Schulterzucken hinzu: "Wenn du zu viel nachdenkst, landest du auf der Tribüne." Bis zur Halbzeit sah alles danach aus, als würde Argentinos die Partie kontrolliert nach Hause bringen. San Lorenzo, von Coach Eiko Henke betreut, wirkte bemüht, aber harmlos - zumindest bis zur Pause. In der Kabine muss Henke dann wohl etwas gesagt haben, das man nicht in Kinderohren wiederholen sollte. Denn die Gäste kamen mit einem Feuer zurück, das die Hausherren völlig überraschte. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen endlich Fußball spielen", erklärte Henke später trocken, "kein Ballett." Und Fußball spielten sie dann tatsächlich. In der 64. Minute war es der 17-jährige Nelio Mendez, der nach Vorlage von Innenverteidiger Alejandro Pacos das Leder über die Linie drückte. Ein Teenager, der aussah, als würde er sonst noch Mathehausaufgaben machen - und plötzlich schoss er ein Erstligator. "Ich hab’s selbst nicht geglaubt", lachte Mendez, "ich dachte, der Pfiff kommt noch." Doch der eigentliche Wendepunkt folgte nur fünf Minuten später. Wieder war es Pacos, diesmal selbst als Torschütze. Der 22-jährige Abwehrmann stieg nach einer Ecke am höchsten und wuchtete den Ball per Kopf ins Netz - 1:2. Bram Sleeper, der junge Mittelfeldmotor, hatte den Ball punktgenau serviert. "Wir trainieren das ständig", sagte Henke später mit einem süffisanten Lächeln. "Die Jungs glauben mir nie, dass Standards auch schön sein können." Argentinos versuchte, das Spiel zu drehen, aber die Luft war raus. Caio Brito rannte, kämpfte, schimpfte - und schoss in der 75. Minute noch einmal gefährlich aufs Tor. Doch San-Lorenzo-Keeper Duarte Mingo hielt, als hätte er Klebstoff an den Handschuhen. Die letzten Minuten gehörten dann der Zeitspielkunst, jener geheimen Disziplin, in der erfahrene Teams wahre Meister sind. Zwei Gelbe Karten für die Boys - Ingo Tonel gleich in der ersten Minute und der junge Juan Pablo Carcedo kurz vor der Pause - warfen ein Schlaglicht auf die wachsende Frustration. Tonel grummelte nach dem Spiel: "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin. Der Schiri hat’s wohl zu ernst genommen." Während die Heimfans pfeifend das Stadion verließen, feierten die jungen Wilden aus San Lorenzo ausgelassen mit ihren mitgereisten Anhängern. Henke stand an der Seitenlinie, verschränkte die Arme und nickte zufrieden. "Das war Charakter", sagte er. "Und ein bisschen Glück. Aber Glück gehört zum Mut." Statistisch gesehen hätte Argentinos gewinnen müssen: mehr Ballbesitz, mehr Kontrolle, mehr Routine. Doch Fußball ist eben kein Rechenspiel. Manchmal reicht ein 17-Jähriger mit Mut zur Lücke, um alles auf den Kopf zu stellen. In Buenos Aires wird man sich noch eine Weile über dieses Spiel unterhalten - über die schlampige Chancenverwertung der Boys, die jugendliche Unbekümmertheit der Gäste und einen Innenverteidiger, der plötzlich Torjäger spielt. "Wir haben’s selbst verbockt", meinte Torschütze Almeida zum Schluss, "aber wenigstens schön." Ein Satz, der wohl das ganze Spiel zusammenfasst: schön bis zur Pause, danach schmerzhaft ehrlich. Und irgendwo in den Katakomben des Stadions soll ein Ordner gehört haben, wie ein junger Fan zu seinem Freund sagte: "Wenn so was Mathe wäre, hätten wir trotzdem eine 5." Vielleicht die treffendste Analyse des Abends. 25.08.643996 04:51 |
Sprücheklopfer
Der Schiri kann froh sein, dass ich ihm keine geschmiert habe.
Werner Lorant