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Ein lauer Aprilabend, 56.536 Zuschauer im Straßburger Stade de la Meinau, Flutlicht, Gesänge und dann - Ernüchterung. AS Straßburg verliert zu Hause mit 0:1 gegen US Lille, obwohl sie statistisch gesehen ein kleines Fußballwunder hätten feiern müssen. 17 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, ein Gegner in Unterzahl ab der 51. Minute - und trotzdem jubelte am Ende nur ein Mann: Cesc Benitez, der Schütze des einzigen Tores in der 45. Minute. Das Spiel begann, wie Trainer Da To es sich wohl erträumt hatte: offensiv, druckvoll, mit aggressivem Pressing. Schon in der sechsten Minute prüfte Claude Florit den Liller Keeper Boutin mit einem satten Linksschuss. "Ich dachte, der Ball sei drin", fluchte Florit später, "aber der Typ im Tor hatte wohl Magneten in den Handschuhen." Florit schoss noch zweimal, Fortunio gleich viermal - doch das Netz blieb jungfräulich. Lille hingegen tat, was Lille am besten kann: abwarten, verteidigen, kontern. Trainerin Anne Mergel stand an der Seitenlinie wie eine Schachspielerin, die genau weiß, dass der Gegner in zehn Zügen matt ist, obwohl der noch glaubt, zu gewinnen. "Wir wussten, dass Straßburg sich müde spielt", erklärte sie mit einem kaum merklichen Grinsen. "Dann kommt bei uns einer wie Cesc - und der Rest ist Statistik." Statistisch sah es in der 45. Minute tatsächlich nach einer Explosion aus: Cesc Benitez, bislang unauffällig, bekam den Ball an der linken Strafraumkante, nahm Maß und versenkte ihn eiskalt. Torwart Daniel Fryer streckte sich vergeblich. Ein Geniestreich, ein Nadelstich, ein Dolchstoß in die stolze Brust der Straßburger. Kurz darauf zwei Wechsel bei den Gastgebern - Trainer Da To wollte frischen Schwung, brachte Jakob Ludwig und Uwe Schlegel. Doch kaum war die zweite Halbzeit richtig angelaufen, flog Lilles Innenverteidiger Nicolas Boissieu vom Platz. Glatt Rot in der 51. Minute - ein rustikaler Tritt, der in der Rugby-Abteilung wohl Applaus bekommen hätte. "Ich wollte nur den Ball", sagte Boissieu hinterher, "aber der Ball wollte offenbar nicht mich." Ab da war es Einbahnstraßenfußball. Straßburg belagerte das Tor, Callum Eliot zog aus der Distanz, Fortunio köpfte, Florit probierte es wieder und wieder. Der Ballbesitz stieg, die Hoffnung wuchs - und das Publikum sang sich heiser. Doch Lilles Keeper Boutin verwandelte sich in einen lebenden Betonblock. Selbst als Erim Aydemir in der 89. Minute noch einmal aus spitzem Winkel abzog, hallte nur ein kollektives Raunen durchs Stadion. "Manchmal gewinnst du, manchmal lernst du", sagte Straßburgs Trainer Da To nach dem Abpfiff in die Mikrofone, die ihn wie ein Rudel wilder Reporter umzingelten. "Heute haben wir viel gelernt. Zum Beispiel, dass 17 Schüsse kein Tor garantieren." Sein Gegenüber Mergel konterte trocken: "Ich sag’s mal so: Wir hatten drei Schüsse, einer war drin. Effizienz ist auch eine Kunst." Die Fans sahen es weniger kunstvoll. Beim Verlassen des Stadions hörte man Kommentare wie "Das war doch verhext!" oder "Wenn wir noch zwei Stunden gespielt hätten, hätten wir trotzdem nicht getroffen." Ein älterer Herr mit blau-weißem Schal brachte es auf den Punkt: "Wir hätten heute auch mit drei Bällen gleichzeitig spielen können - keiner wäre reingegangen." Taktisch blieb Straßburg seiner offensiven Linie treu, auch wenn man gegen Ende auf puren Willen setzte. Lille verteidigte in Unterzahl mit allem, was Beine hatte - und manchmal auch mit dem, was keine mehr hatte. Als der Schlusspfiff ertönte, lag Benitez erschöpft im Gras, während seine Mitspieler jubelnd in Richtung der 300 mitgereisten Fans liefen. Ein Spiel, das in den Statistiken Straßburg gehört, aber in der Geschichte Lille. Der Fußballgott, so scheint es, hat an diesem Abend französischen Humor bewiesen. Oder wie Fortunio es lachend formulierte: "Wir haben alles richtig gemacht - außer das mit dem Toreschießen." Und so bleibt US Lille nach diesem 0:1 der lachende Dritte - oder besser gesagt: der einzige, der wirklich lacht. Straßburg dagegen hat nun eine Woche Zeit, um sich zu fragen, wie man ein Spiel dominieren und trotzdem verlieren kann. Die Antwort? Vielleicht steckt sie irgendwo zwischen dem Pfosten, dem Glück und einem gewissen Cesc Benitez. 14.08.643996 09:37 |
Sprücheklopfer
Wenn wir kein Tor machen, können wir nicht einmal in Kaiserslautern gewinnen.
Aleksandar Ristic