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Es war ein Abend, der für die Brampton Tigers so verheißungsvoll begann - und so ernüchternd endete. 32.000 Zuschauer im heimischen Stadion hatten sich auf ein Duell auf Augenhöhe gefreut, doch am Ende sangen nur die Quebec Blues den Siegesblues. Mit 3:1 (1:1) entführten sie verdient die drei Punkte aus Ontario und ließen Trainer Lutz Lindemann zufrieden lächeln: "Wir hatten heute einfach mehr Biss. Und vielleicht auch den besseren Friseur." Dabei fing alles recht ausgeglichen an. Brampton hielt den Ball, Quebec die Nerven. Die Tigers verzeichneten am Ende zwar 53 Prozent Ballbesitz, aber was nützt das, wenn der Gegner doppelt so oft aufs Tor schießt (14 zu 7)? Schon in der 25. Minute setzte sich der bullige Mittelstürmer Jaime Mourino nach einem feinen Zuspiel von Tom Brees im Strafraum durch - ein Hauch von südamerikanischer Eleganz im kanadischen Frühling. "Ich hab einfach geschossen, weil ich Hunger hatte", grinste Mourino später, "und Tore sind wie Pizza - man nimmt nie nur eins." Doch Brampton antwortete fast trotzig. Sechs Minuten später zirkelte Andrew Onnington, der rechte Mittelfeldspieler mit der Frisur eines 80er-Jahre-Rockstars, den Ball aus gut 20 Metern ins Netz. Der Pass kam von Mathieu Degeest, der in diesem Moment aussah, als würde er den Ball lieber streicheln als passen. 1:1, und die Tribünen explodierten. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Ding", gab Tigers-Kapitän Frank Krämer später zu, "naja, es kippte - nur leider in die falsche Richtung." Nach der Pause drehte Quebec auf. Lindemann hatte offenbar in der Kabine den Ton verschärft - sein Team kam mit offensivem Pressing und einer Prise Wahnsinn zurück aufs Feld. Schon in der 50. Minute schlug wieder Mourino zu, diesmal nach Vorarbeit von Daan Bolsius. Ein klassischer Blues-Angriff: zwei Pässe, ein Schuss, ein Tor. Bramptons Keeper Sergio Beltran sah den Ball erst, als er ihn aus dem Netz fischte. Von da an war Quebec obenauf. Die Gastgeber wirkten bemüht, aber ideenlos - man könnte auch sagen: Sie spielten wie ein Jazztrio ohne Noten. Samuel Marot holte sich in der 56. Minute die obligatorische Gelbe Karte ab, "um wenigstens einmal im Spiel wahrgenommen zu werden", wie ein Fan spöttelte. Quebecs Gustav Barre tat es ihm sieben Minuten später gleich, allerdings mit einem rustikalen Einsteigen, das selbst auf einem Eishockeyfeld aufgefallen wäre. In der 73. Minute fiel dann die Entscheidung: Barend Veeder vollendete einen schnellen Angriff über die linke Seite nach erneuter Vorlage von Bolsius. 3:1 - und der Rest war Verwaltungsarbeit. Lindemann nahm noch ein paar Wechsel vor, brachte frische Beine und schickte mit Andre Pare und Matthijs Coster neue Energie auf den Platz. Bei Brampton hingegen blieb es beim Versuch, das Ergebnis mit Stil zu kaschieren - oder wenigstens mit Würde. Trainer Lindemann zeigte sich nach dem Spiel gelöst: "Wir haben heute gezeigt, dass man auch mit starkem Kaffee und gutem Pressing Spiele gewinnen kann." Sein Gegenüber, der Brampton-Coach, dem die Medien inzwischen den Spitznamen "Mr. Balanced" verpasst haben, weil seine Taktik-Einstellungen nie variieren, wirkte ratlos. "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore. Ich überlege, ob ich das beim nächsten Training umdrehe", murmelte er vor den Mikros und verschwand in der Kabine. Spieler des Abends war ohne Frage Mourino - zwei Tore, ein Dauergrinsen und mindestens drei Verteidiger, die jetzt Albträume haben. Aber auch Bolsius verdiente sich Lob: Zwei Assists, eine Passquote wie aus dem Lehrbuch und eine Ruhe am Ball, als würde er zu Hause Tee trinken. Die Brampton-Fans verabschiedeten ihr Team mit höflichem Applaus, etwa so höflich, wie man einen Nachbarn grüßt, der zum dritten Mal vergessen hat, die Mülltonne reinzuholen. Quebec dagegen feierte ausgelassen. Auf dem Rückweg zum Bus sangen die Spieler einen improvisierten Kanadier-Blues, und Lindemann klopfte seinem Torschützen Mourino auf die Schulter: "Wenn du so weitermachst, schreib ich dir ein Lied." Fazit: Quebec war effizient, aggressiv und eiskalt - Brampton war bemüht, hübsch anzusehen, aber letztlich zahnlos. 1:3, ein Ergebnis, das sich in der Tabelle sehen lassen kann. Und während in Quebec vermutlich noch bis in die Nacht gefeiert wurde, dürften die Tigers sich fragen, ob "Balanced" wirklich das neue "Mutig" ist. Oder, um es mit einem Fan auf der Tribüne zu sagen: "Wir hatten den Ball - sie hatten den Spaß." 26.08.643996 00:25 |
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Rainer Calmund