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Quebec - Ein kalter Aprilabend, 39.049 frierende, aber glückselige Zuschauer, und ein Heimteam, das offenbar beschlossen hatte, den Frühling mit einem Feuerwerk zu begrüßen: Die Quebec Blues zerlegten Surrey City beim 5:0 (2:0) nach allen Regeln der Fußballkunst. Das Ergebnis klingt deutlich - aber wer das Spiel gesehen hat, weiß: Es hätte schlimmer kommen können. Trainer Lutz Lindemann grinste nach Abpfiff so breit wie der Sankt-Lorenz-Strom. "Ich wollte, dass die Jungs Spaß haben. Und wenn sie dabei fünf Tore schießen - nun, ich bin ja kein Spielverderber." Spaß hatten sie allemal. Von der ersten Minute an rollte eine Angriffswelle nach der anderen auf Surreys Torhüter Stephane Bosworth zu, der sich irgendwann fragte, ob er nicht besser Handschuhe mit eingebautem Stoßdämpfer hätte tragen sollen. Die Blues schossen 29 Mal aufs Tor - eine Zahl, die auf dem Statistikzettel eher nach Eishockey aussieht. Surrey City brachte es auf drei kümmerliche Versuche, von denen einer so harmlos war, dass Torwart Thomas Trottier später scherzte: "Ich hätte Zeit gehabt, mir einen Kaffee zu holen." Die Tore fielen in schöner Regelmäßigkeit. In der 26. Minute eröffnete Marwin Sonnenschein den Torreigen - der 33-jährige Mittelstürmer, der schon in den ersten fünf Minuten zwei Mal gefährlich geworden war, verwertete eine sehenswerte Vorlage von Joseph Johnstone. "Joseph hat einfach einen Riecher. Ich musste nur noch den Fuß hinhalten", sagte Sonnenschein bescheiden - und grinste dabei so, dass man ahnte, er wusste genau, wie gut das war. Kurz vor der Pause (40.) traf derselbe Sonnenschein erneut, diesmal nach einem beherzten Vorstoß von Rechtsverteidiger Polikarp Iwanow. Surrey City wirkte zu diesem Zeitpunkt schon wie ein Boxer, der nach zwei Runden nur noch auf den Gong wartet. Trotzdem hatten sie mit 56 Prozent sogar mehr Ballbesitz - allerdings meist in der eigenen Hälfte. Nach der Pause wechselten die Blues nicht den Gang, sondern nur die Zielgenauigkeit: In der 55. Minute durfte sich Johnstone selbst in die Torschützenliste eintragen, nach feinem Zuspiel von Olivier Krieger. Und weil beim Gastgeber an diesem Abend offenbar jeder Lust auf Tore hatte, legte Christopher Berard (61.) mit einem platzierten Schuss nach - der 35-Jährige dirigierte das Spiel aus dem Mittelfeld, als habe er eine Fernbedienung in der Hand. Zwei Minuten später (63.) setzte Barend Veeder den Schlusspunkt, nach einer überlegten Vorlage eben jenes Berard. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", murmelte Surreys Kapitän Andre Boissieu nach dem Spiel, noch mit der Gelben Karte aus der 77. Minute in der Hand. "Aber Quebec war heute… na ja, nennen wir es mal: sehr enthusiastisch." Drei Gelbe Karten kassierten die Gäste im Schlussabschnitt, was wohl das Einzige war, was sie an diesem Abend sammelten. Taktisch war es ein Lehrstück: Quebec spielte durchgehend offensiv, aggressiv, mit sicherem Passspiel und einer beeindruckenden Mischung aus Disziplin und Spielfreude. Surrey City dagegen blieb "balanciert", wie es im Trainerhandbuch heißt - was in diesem Fall bedeutete, sie balancierten zwischen Verzweiflung und Resignation. In der 70. Minute gönnte Lindemann seinem Dauerläufer Johnstone eine Pause und brachte Aaron Wyler, der sofort mit einem Distanzschuss auffiel. "Ich wollte mal sehen, ob das Tornetz auch auf der anderen Seite funktioniert", witzelte Wyler später. Auch der junge Destiny Udogie durfte ran, als er Paul Musgrave ersetzte. Lindemann lobte ihn: "Der Junge hat keine Angst. In so einem Spiel einzusteigen, wo alles läuft, ist nicht leicht - aber er hat’s gemacht, als wäre er seit Jahren dabei." Bei Surrey City dagegen herrschte betretenes Schweigen. Trainer Colin Brackett (der Name fiel am Spielfeldrand, auch wenn er in den Daten fehlt) vergrub die Hände tief in den Manteltaschen und starrte lange auf den Rasen. "Wir hatten einen Plan", murmelte er schließlich, "aber Quebec hatte fünf bessere." Als die Blues-Fans nach Schlusspfiff ihre Mannschaft feierten, war das Stadion ein einziges Meer aus blauen Fahnen - und einige Surrey-Anhänger sollen sogar höflich mitgeklatscht haben. Manchmal erkennt man Größe eben auch in der Niederlage. Und während Lindemann in der Pressekonferenz noch davon sprach, "die Füße auf dem Boden zu lassen", flachste Sonnenschein: "Klar, morgen wieder Training. Aber ich nehme an, die Tore zählen trotzdem doppelt?" Ein 5:0, das nicht nur auf der Anzeigetafel glänzte, sondern auch in der Art, wie Quebec es zelebrierte: mit Leidenschaft, Präzision und einem Hauch von Übermut. Surrey City dagegen wird diesen Abend wohl unter "Erfahrung" verbuchen - und künftig hoffen, dass Sonnenschein seinen Namen nicht allzu wörtlich nimmt. Oder, wie ein älterer Blues-Fan beim Rausgehen brummte: "Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald eine größere Tafel für die Tore." 14.08.643996 10:37 |
Sprücheklopfer
Wir haben die Chancenverwertung nicht verwertet.
Andreas Brehme