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Ein lauer Samstagabend in Canar, 29.768 Zuschauer, ein Flutlicht, das schon beim Einlaufen der Teams flackerte - und ein Spiel, das ebenso funkelte wie die Augen der Heimfans. Deportivo Canar gewann am 19. Spieltag der 1. Liga Ecuador mit 2:1 gegen den FC Nacional und beschenkte Trainer Helmut Adolph mit einem Sieg, der irgendwo zwischen Arbeitssieg und Drama pendelte. Schon nach acht Minuten bebte das Estadio Municipal. Carlos Ze Castro, der flinke Rechtsaußen, zog nach Pass von Adriano Godinez in den Strafraum, täuschte einmal links, einmal rechts, und vollendete trocken ins lange Eck. "Ich hab einfach gespürt, dass der Ball da rein muss", grinste Ze Castro später, während er sich noch den Schweiß aus den Augen wischte. Trainer Adolph brüllte kurz darauf seinem Assistenten zu: "Siehst du, wenn er nicht dribbelt, trifft er!" - halb Spaß, halb Erleichterung. Danach übernahm Nacional das Kommando, zumindest optisch: 56 Prozent Ballbesitz, viele kleine Pässe, aber wenig Durchschlagskraft. Pinchas Tal, der erfahrene Rechtsaußen der Gäste, prüfte Heimkeeper Niels Apers mehrmals, doch der 19-Jährige blieb cool wie ein Eisblock aus Quito. Adolph kommentierte das später trocken: "Der Junge hat Hände wie Klettverschluss - das ist manchmal sogar beim Händeschütteln gefährlich." In der 28. Minute sah Miguel Mascarenhas Gelb, weil er meinte, der Ball sei besser zu stoppen, wenn man auch gleich den Gegenspieler mitstoppt. Kurz darauf holte sich Tomas Adler ebenfalls Gelb ab - ein Zeichen, dass Canar nicht nur spielen, sondern auch beißen wollte. Nacional hingegen verlor in der 59. Minute Filipe Melendez durch eine glatte Rote Karte, nachdem er sich zu einem Tritt hinreißen ließ, den man sonst eher in einem Karatefilm erwarten würde. "Ich wollte nur den Ball treffen", erklärte Melendez nach dem Spiel, woraufhin sein Trainer nur die Augen verdrehte. Mit einem Mann mehr schien Canar alles im Griff zu haben, doch Fußball liebt Ironie. In der 71. Minute köpfte Cesar Zorrilla nach einer Ecke von Glenn Depuysseleyr zum 1:1 ein - ausgerechnet in einer Phase, in der die Heimfans schon überlegten, ob sie noch ein drittes Bier holen sollten. Das Stadion verstummte für einen Moment, dann rief jemand aus der Fankurve: "Adriano, mach was!" - und Adriano Godinez tat es. Der rechte Mittelfeldspieler, bereits beim ersten Tor Vorlagengeber, trieb in der 85. Minute den Ball bis zur Grundlinie und legte mustergültig quer. Jorge Delgado brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten - 2:1. Jubel, Tränen, Fanfaren. Delgado rannte zur Bank, sprang seinem Trainer auf den Rücken, und Helmut Adolph lachte: "Ich bin 58, Junge! Das war fast mein Kreuzband!" Die letzten Minuten wurden zum Nervenkrimi. Nacional, trotz Unterzahl, warf alles nach vorn. Tal und Zorrilla feuerten weiter, doch Apers blieb hellwach. In der 92. Minute konterte Canar erneut, Alejandro Bergantinos zog ab, doch der Ball strich knapp über die Latte. Die Fans hielten kollektiv den Atem an, ehe der Schlusspfiff ertönte - und das Stadion explodierte. Statistisch gesehen war Nacional das aktivere Team, doch Effektivität bleibt die schönste Statistik des Fußballs. 16 Torschüsse für Canar, 11 für Nacional, Ballbesitz leicht zugunsten der Gäste, aber zwei Tore für die Gastgeber. "Wir haben heute nicht schön, aber clever gespielt", resümierte Adolph. Sein Gegenüber, der namenlose Trainer von Nacional, fasste es bitter zusammen: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore - das war’s." In Canar wird man diesen Abend noch lange besprechen. Über Ze Castros frühes Tor, Delgados späten Punch, und über den jungen Torhüter, der mit seinen Paraden fast schon eine Hymne verdient hätte. Vielleicht auch über den Moment, als sich ein kleiner Junge auf der Tribüne die Hände vors Gesicht schlug und flüsterte: "Bitte, kein Gegentor mehr." Er bekam, was er wollte. So bleibt Deportivo Canar im Mittelfeld der Tabelle, aber mit neuem Selbstbewusstsein - und einer Mannschaft, die weiß, dass sie auch in hitzigen Spielen kühlen Kopf bewahren kann. Wie es Trainer Adolph nach Abpfiff formulierte: "Manchmal reicht es, wenn man zwei Tore mehr schießt als der Gegner. Der Rest ist Philosophie." Und während die Flutlichter langsam erloschen, summte irgendwo ein Fan leise: "Canar, Canar, du bist unser Herz." - diesmal ganz ohne Ironie. 26.08.643996 02:39 |
Sprücheklopfer
Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding.
Giovanni Trappatoni