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Harrisburgs späte Wende: Isles drehen Pokalhalbfinale in Michigan

Es war ein Abend, der in Michigan noch lange nachhallen dürfte. 79.500 Zuschauer hatten sich im gigantischen Stag‑Dome eingefunden, um den Einzug ihrer "Stags" ins Pokalfinale zu feiern - und sahen stattdessen, wie die Gäste aus Harrisburg in der Schlussphase das Drehbuch zerrissen. 2:3 hieß es am Ende, und wer nur das Ergebnis liest, ahnt kaum, wie viel Drama zwischen Minute 27 und 88 auf dem Rasen lag.

Dabei begann alles nach Maß für die Hausherren. Die Stags, offensiv eingestellt wie ein Rockkonzert auf voller Lautstärke, drängten von Beginn an. Schon in der fünften Minute prüfte Joshua Dewey Harrisburg‑Keeper Antonio Postiga, nur um sich wenig später über den Rasen zu ärgern: "Ich dachte, der Ball sei schon drin - aber dieser Postiga hat wohl Spiderman‑Gene."

Der Dauerdruck zahlte sich in der 27. Minute aus. Alfie Cromwell flankte von rechts, Noah Benett stieg in die Luft und wuchtete den Ball mit einem Kopfstoß ins Netz. 1:0, verdient, laut, euphorisch. "In dem Moment dachte ich, das wird unser Abend", sagte Trainer Bernd Klein später - und man spürte, dass er das immer noch nicht ganz glauben konnte.

Die Statistik sprach klar für Michigan: 16 Torschüsse, 52 Prozent Ballbesitz, 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Nur ein Problem: Fußball wird nicht nach Statistiken entschieden. Und Harrisburg Isles, von David Sander an der Seitenlinie auf Angriff getrimmt, fand nach der Pause die passende Antwort.

In der 58. Minute, ausgerechnet nach einer Ecke, war es Innenverteidiger Thomas Fouquet, der den Ball per Kopf über die Linie drückte - Vorarbeit von Pim Sutphen, der sich auf links durchgetankt hatte. 1:1, und plötzlich war das Stadion still. Vier Minuten später wirbelte Joseph Dennehy durchs Mittelfeld, legte zu Benett, der eiskalt vollstreckte. 2:1 - die Stags wieder vorne, das Publikum wieder da. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Benett später. "Und gehofft, dass keiner den Videobeweis ruft."

Doch Harrisburg war nun in seinem Element. Sander brachte frische Kräfte, ließ seine Isles höher pressen und spielte mutig nach vorne. Pim Sutphen, der schon beim ersten Tor glänzte, glich in der 76. Minute aus. Vorlage: der junge Alexander Warriner, der sich mit einem frechen Dribbling durch die Abwehr schlängelte. 2:2 - und Klein trat wütend gegen eine Wasserflasche.

"Wir hatten sie eigentlich im Griff", knurrte der Stags‑Coach. "Aber dann haben wir aufgehört, Fußball zu arbeiten." Vielleicht war es auch der Moment, in dem Harrisburg schlicht mehr wollte. In der 88. Minute, als viele schon auf die Verlängerung spekulierten, kam der Ball über rechts zu Leo Thuringer. Dessen Hereingabe rutschte durch - und am zweiten Pfosten stand Theo Browning, eigentlich linker Verteidiger, plötzlich ganz allein. Ein Schuss, ein Stich ins Herz der Gastgeber: 2:3.

Der junge Engländer rannte jubelnd zur Eckfahne, während Postiga hinten die Fäuste ballte. "Theo weiß selbst nicht, warum er da war", scherzte Trainer Sander. "Vielleicht war’s göttliche Eingebung oder einfach Müdigkeit der Stags."

Die letzten Minuten waren ein verzweifeltes Anrennen der Gastgeber. Noah Benett versuchte es noch zweimal, einmal in der 89. Minute, aber Postiga hielt erneut glänzend. Als Schiedsrichter McLeod abpfiff, fiel Harrisburgs Kapitän Fouquet auf die Knie - und Klein verschwand wortlos im Kabinengang.

Dass Michigan trotz aller Überlegenheit scheiterte, lässt sich kaum in Zahlen fassen. Sie liefen mehr, schossen öfter, kämpften härter - und verloren doch. Vielleicht, weil sie glaubten, das Spiel sei nach 60 Minuten entschieden. Vielleicht, weil der Pokal seine eigenen Launen hat.

"Wir haben heute Charakter gezeigt", sagte Fouquet mit heiserer Stimme. "Und ein bisschen Glück gehört halt dazu." Sander grinste daneben, als würde er gleich eine Runde spendieren. "Finale ist Finale. Jetzt gönnen wir uns einen Tag frei - und dann darf wieder gearbeitet werden."

Und die Stags? Sie werden sich an die 80. Minute erinnern, als Samuel Catrall verletzt vom Platz musste und die Ordnung hinten kippte. Oder an den Moment, als Klein die Hände vors Gesicht schlug, während 79.500 Kehlen schwiegen. Ein Spiel, das sie so schnell nicht vergessen werden.

Vielleicht tröstet es sie, dass auch großartige Teams manchmal an sich selbst scheitern. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn Schönheit siegen würde, stünden wir im Finale." Nun ja - Schönheit allein schießt keine Tore.

29.12.643996 17:45
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