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Manchmal hat Fußball etwas von Jazz: ein bisschen improvisiert, ein bisschen chaotisch, aber wenn’s läuft, dann swingt es. Und an diesem kühlen Aprilabend in Quebec City swingten die Blues - im wahrsten Sinne des Wortes. Mit 2:0 schlugen sie die Vancouver Whitecaps, die zwar mehr Ballbesitz hatten, aber ungefähr so gefährlich wirkten wie ein Saxophon ohne Mundstück. Vor 37.301 Zuschauern im Stade des Laurentides begann das Spiel mit einem Knall - und einem frühen Weckruf für die Gäste. Schon in der 2. Minute prüfte Vancouvers Morgan Blanchet mit einem Schuss die Reflexe von Quebec-Keeper Thomas Trottier. Der blieb cool, fast schon gelangweilt, und lenkte den Ball lässig zur Ecke. "Ich wusste, dass wir danach wach sind", grinste Trainer Lutz Lindemann später. Und tatsächlich: Ab da spielten nur noch die Blues. In der 9. Minute deutete Emilio Vidigal an, was kommen sollte - ein erster gefährlicher Abschluss, knapp vorbei. Zwei Minuten später durfte er dann jubeln: Nach einem langen Ball von Innenverteidiger Rhys Hamlin, der offenbar heimlich als Quarterback jobbt, startete Vidigal auf rechts durch, nahm den Ball elegant mit der Brust und versenkte ihn trocken im langen Eck. 1:0. "Rhys hat gesagt, ich soll einfach laufen. Ich dachte, das ist keine Taktik, das ist ein Befehl", lachte Vidigal nach dem Spiel. Vancouver wirkte überrascht, vielleicht auch beleidigt. Immerhin hatten sie mit 56 Prozent Ballbesitz mehr vom Spiel - nur eben nicht vom Tor. Die Whitecaps kombinierten gefällig durch die Mitte, aber sobald es ernst wurde, landete der Ball zuverlässig bei einem blauen Bein. Quebec verteidigte bissig, manchmal etwas zu energisch - Lindemanns Truppe agierte aggressiv und körperbetont, ohne unfair zu werden. Nur eine Gelbe Karte gab es, für Vancouvers Innenverteidiger Luís Veloso, der in der 8. Minute den Fuß etwas zu hoch hob. Bis zur Pause hatten die Blues weitere Chancen: Sousa, Berard, Krieger - sie alle probierten es, aber Vancouver-Keeper Federico Puddu hielt stark. Die Gäste retteten das 0:1 irgendwie in die Kabine, vermutlich in der Hoffnung, dass sich das Spiel nach dem Tee von selbst beruhigen würde. Tat es nicht. Quebec kam aus der Pause wie aus der Kanone geschossen. In der 52. Minute dann die Entscheidung: Nach einer Ecke von Christopher Berard stieg Rhys Hamlin höchster, wuchtete den Ball per Kopf ins Netz - 2:0. Ein Innenverteidiger als Torschütze, das passte zum Abend. "Ich wollte eigentlich nur ein bisschen Chaos stiften", sagte Hamlin mit einem breiten Grinsen. "Dass ich den treffe, war eher ein Unfall. Aber ein schöner." Vancouver bemühte sich, aber blieb harmlos. Drei Torschüsse in 90 Minuten - das ist in der 1. Liga Kanada ungefähr so selten wie ein warmer April. Michel Onnington versuchte es in der 78. Minute noch einmal, doch Trottier hielt sicher. "Wir haben den Ball schön laufen lassen, nur leider immer im Kreis", klagte Whitecaps-Coach Jean-Marc Dufresne sarkastisch. Statistisch gesehen war’s ein seltsames Spiel: Vancouver mit mehr Ballbesitz (56 zu 44 Prozent), aber Quebec mit 16:3 Torschüssen. Die Blues spielten offensiv, mit vollem Einsatz, während Vancouver zwar ausgeglichen auftrat, aber ohne Pressing und ohne zündende Idee. Lindemann fasste es trocken zusammen: "Ballbesitz ist wie gutes Wetter - schön, wenn man’s hat, aber es gewinnt keine Spiele." In der Schlussphase durfte der Nachwuchs ran: Der 19-jährige Destiny Udogie kam für Sergio Espinosa und sorgte mit einem strammen Schuss fast noch für das 3:0. "Ich wollte zeigen, dass ich’s auch kann", meinte er frech. Lindemann zwinkerte nur: "Nächstes Mal bitte rein damit." Als der Schlusspfiff ertönte, war der Jubel groß. Quebecs Fans sangen im Regen, während Vancouver nachdenklich in die Kabine trottete. Zwei Tore, drei Punkte, keine Verletzten - viel besser kann ein Abend kaum laufen. Und irgendwo auf der Tribüne soll ein älterer Herr gemurmelt haben: "Die Blues spielen wieder wie früher - mit Herz, Schweiß und ein bisschen Wahnsinn." Vielleicht hat er recht. Vielleicht war das Spiel ja wirklich ein kleines Stück Jazz - wild, unberechenbar, aber am Ende einfach schön anzusehen. Und Trainer Lindemann? Der lachte zum Abschied: "Wenn wir weiter so spielen, muss ich bald anfangen, Noten zu lesen." Ein Abend für die Blues - und einer, den Vancouver lieber schnell vergisst. 22.07.643996 07:03 |
Sprücheklopfer
Wenn kein Sprit im Tank und die Birne leer ist, läuft nichts.
Rainer Calmund