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Das Flutlicht war grell, der Rasen sattgrün und das Publikum laut - so, wie man es an einem Freitagabend in Liverpool eben erwartet. 51.351 Zuschauer wollten sehen, wie die Reds unter Trainer Heiner Schneider den Tabellenneunten aus Newcastle abfertigen würden. Am Ende sahen sie, wie die "Geordies" mit einem 2:1-Auswärtssieg den Gastgebern den Stecker zogen - und das, obwohl Liverpool mehr Ballbesitz, mehr Chancen und vermutlich auch mehr Frustration hatte als jeder englische Pub nach Schankschluss. Dabei fing alles so vielversprechend an. Schon in der 6. Minute prüfte Tyler Hensley erstmals den jungen Keeper Jake Williamson, der sich bei seinem Paraden-Debüt an der Anfield Road offenbar dachte: "Wenn ich den halte, ist mir alles andere egal." Zwölf Minuten später war es dann aber soweit: Alain Astruc tankte sich auf der rechten Seite durch, flankte scharf nach innen, und Hensley drückte den Ball humorlos zum 1:0 über die Linie. Die Tribüne tobte, Schneider ballte die Faust - man wähnte sich auf Kurs. Doch Newcastle wäre nicht Newcastle, wenn sie nicht die Kunst des unerwarteten Konters perfektioniert hätten. Kurz vor der Pause, in der 42. Minute, rauschte Patrik Fuhrmann, der Mann mit dem unscheinbaren Namen und der Präzision eines Uhrwerks, durch Liverpools Mittelfeld und zog trocken ab. 1:1 - und plötzlich war das Stadion still genug, um die Möwen über der Mersey zu hören. Im Kabinengang soll Schneider laut geworden sein. "Wir haben 60 Prozent Ballbesitz, Jungs! Wir können uns davon aber nichts kaufen, wenn wir so verteidigen", soll er gebrüllt haben. Alain Astruc grinste später: "Er hat recht - aber es war wenigstens eine laute Halbzeit." Nach dem Seitenwechsel das gleiche Bild: Liverpool drückte, Newcastle lauerte. 12:5 Torschüsse am Ende sprechen eine klare Sprache. Patrik Lindström probierte es aus allen Lagen, Jose Lundqvist zirkelte, Hensley köpfte - aber das Tor schien wie vernagelt. "Ich hatte das Gefühl, der Ball will einfach nicht mehr rein", sagte Hensley nach dem Spiel. "Vielleicht war er beleidigt, weil ich ihn beim Jubel so fest gedrückt habe." Und dann kam die 78. Minute, der Moment, über den in Newcastle wohl noch lange gesprochen wird. Varnavas Damanakis, sonst eher als Dauerläufer bekannt, schickte Owen Lujan auf der rechten Seite in die Gasse. Lujan stoppte kurz, schaute - und hämmerte den Ball ins linke Eck. 2:1 für die Gäste. Reece Kendall im Tor der Reds streckte sich vergeblich, und auf den Rängen war nur noch das Fluchen der Heimfans zu hören. "Das war eine dieser Szenen, in denen man weiß: Das Spiel kippt jetzt", erklärte Newcastle-Trainer Konstantin Ratai später mit einem schelmischen Lächeln. "Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen ruhig bleiben. Aber ehrlich gesagt - ich war selbst kurz davor, auf den Platz zu rennen." Liverpool versuchte in den letzten Minuten noch einmal alles. Hensley scheiterte in der 88. Minute per Kopf, Lundqvist zielte vorbei, und irgendwo auf der Trainerbank ging ein Kaffeebecher zu Bruch. Schneider wirkte nach dem Abpfiff erstaunlich gefasst: "Wenn man 59 Prozent Ballbesitz hat und zwölf Mal aufs Tor schießt, dann darf man sich über eine Niederlage trotzdem ärgern - aber nicht wundern." Zwei gelbe Karten für Newcastles Verteidiger Sousa (71.) und Craven (81.) zeugten davon, dass auch die Gäste wussten, wie man den Rhythmus des Gegners stört. "Wir haben gekämpft wie auf dem Parkplatz nach einem Konzert", lachte Craven beim Rausgehen. "Aber das gehört dazu." Am Ende war es ein Abend, an dem Statistik und Realität getrennte Wege gingen: Liverpool dominierte, Newcastle siegte. Die Geordies spielten mit kühler Effizienz und einem taktischen Plan, der auf dem Papier simpel klang - aber auf dem Platz meisterhaft umgesetzt wurde: kurz passen, sicher abschließen, und bloß kein Pressing-Wahnsinn. Für Liverpool bleibt die Erkenntnis: schöner Fußball gewinnt nicht immer. Oder, wie Schneider es trocken ausdrückte: "Wir hatten das Spiel, sie die Tore - und leider zählt im Fußball immer noch Letzteres." Ein Abend voller Emotionen, Frust und - aus Sicht der Gäste - britischer Genugtuung. Und irgendwo in der nordenglischen Nacht dürfte Konstantin Ratai leise gesummt haben: "Auswärtssiege sind die schönsten." 14.08.643996 09:27 |
Sprücheklopfer
Das ist klasse, gegen so einen Klassemann wie Olli Kahn so ein lustiges Tor zu machen.
Jan-Aage Fjörtoft