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Wenn ein Fußballspiel die ganze Bandbreite zwischen Genie und Wahnsinn zeigen kann, dann war es dieses: Albese gegen Rodengo Saiano, 1. Spieltag der 3. Liga Italien. 10.745 Zuschauer im heimischen Stadio di Alba bekamen für ihr Eintrittsgeld alles geboten - Tore in Serie, wackelnde Abwehrreihen, gelbe Karten, eine Verletzung, und am Ende dieses herrlich absurde 3:3. Schon die Anfangsphase deutete an, dass beide Teams eher Lust auf Spektakel als auf defensive Ordnung hatten. Rodengo Saiano begann stürmisch, angetrieben von den jungen Wilden Vegliaturo, Cerutti und Uffugo, die mit jugendlicher Unbekümmertheit gleich mehrfach auf das Tor droschen. In der 14. Minute wurde ihr Mut belohnt: Der 21-jährige Alessandro Vegliaturo, von Luca Cariati klug bedient, schob zum 0:1 ein. Kaum hatte Rodengo Saiano den Jubel beendet, da klingelte es auch schon auf der anderen Seite - und das ausgerechnet durch einen Rechtsverteidiger. Manuel Bellucci, sonst eher für rustikale Zweikämpfe bekannt, traf vier Minuten später aus halbrechter Position zum 1:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste er nach dem Spiel, "aber wenn der Ball dann drin ist, sag ich natürlich, es war Absicht." Trainer von Albese sah das ähnlich: "Manchmal hilft der liebe Fußballgott eben mit. Heute hatte er offensichtlich gute Laune." Nach diesem Doppelschlag beruhigte sich das Geschehen kurz - zumindest relativ. Beide Teams feuerten weiter aus allen Lagen, insgesamt 32 Torschüsse (16 pro Seite) sprechen Bände. Doch erst nach der Pause nahm das Chaos wieder richtig Fahrt auf. 47. Minute: Ashton Clancy, der 33-jährige Routinier im Angriff von Albese, staubte nach Vorarbeit von Davide Bruno ab - 2:1. Sechs Minuten später antwortete Rodengo Saiano postwendend. Der blutjunge Domenico Roggiano, ebenfalls 19, traf nach schöner Kombination über Morabito - 2:2. "Ich hab einfach draufgehalten", meinte Roggiano später, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkhaus landet." Doch Clancy war noch nicht fertig. In der 57. Minute schnürte er, nach einem präzisen Zuspiel von Alessio Ninea, seinen Doppelpack - 3:2. Albese schien nun Oberwasser zu haben, das Publikum brüllte euphorisch, die Fans sangen, und sogar der Stadionsprecher schien etwas heiser vor Begeisterung. Dann aber kam Lorenzo Montegiordano, der Linksverteidiger von Rodengo Saiano, und zerstörte die Party. In der 69. Minute drosch er den Ball nach Vorarbeit von Soverato humorlos unter die Latte - 3:3. "Ich wollte eigentlich flanken", sagte Montegiordano mit einem Augenzwinkern - offenbar ist das die Standardausrede für Verteidiger mit Torinstinkt. Danach blieb es turbulent: Albese bekam in der 63. Minute eine Gelbe Karte (Ivar Hanson nach rustikalem Einsteigen), während Montegiordano später selbst Gelb sah. Kurz darauf verletzte sich Torschütze Roggiano und musste unter Applaus ausgewechselt werden. Trainer Jan Beyer von Rodengo Saiano nahm’s gelassen: "Wenn du 19 bist und so spielst, darfst du auch mal humpelnd vom Platz gehen. Er hat uns ein Tor geschenkt, mehr wollte ich gar nicht." Taktisch war’s ein lebendiger Schlagabtausch. Albese spielte durchgehend offensiv, mit Fokus auf Ballbesitz (52,5 %) und Kurzpassspiel. Rodengo Saiano blieb konterfreudig, aggressiv, manchmal übermotiviert. In der Schlussphase stellten sie das Pressing hoch - und hielten so das Remis fest, während Clancy noch zweimal gefährlich auftauchte (77. und 95. Minute). Nach Abpfiff sanken einige Spieler einfach auf den Rasen. 3:3, sechs Tore, keine Langeweile. Der neutrale Zuschauer applaudierte, die Trainer rieben sich die Augen. "Wenn man so spielen lässt, braucht man gute Nerven - und einen stabilen Blutdruck", scherzte Albese-Coach, "aber lieber 3:3 als 0:0. Die Fans sollen ja wiederkommen." Und die kamen aus dem Stadion mit glänzenden Augen. "Das war wie Kino, nur ohne Popcorn", sagte ein älterer Herr auf der Tribüne, "nur lauter." Ein Fazit? Dieses Spiel war wie ein italienischer Espresso: kurz, stark, mit Nachgeschmack. Beide Teams zeigten, dass sie offensiv viel zu bieten haben - und defensiv noch reichlich zu tun. Wenn der Rest der Saison ähnlich verläuft, wird man in der 3. Liga Italien noch öfter über Albese und Rodengo Saiano sprechen. Vielleicht nicht immer im Zusammenhang mit taktischer Disziplin, aber ganz sicher mit Unterhaltung. Und so klang der Abend aus: Ein 33-jähriger Clancy lächelte verschmitzt in die Kameras, ein 19-jähriger Roggiano humpelte stolz zum Bus, und Trainer Beyer murmelte: "3:3? Damit kann ich leben - aber mein Herzschrittmacher nicht." 29.05.643990 23:42 |
Sprücheklopfer
Deutschland wird auf Jahre hin unbesiegbar sein.
Franz Beckenbauer nach dem WM-Titel 1990