// Startseite
| De Standaard |
| +++ Sportzeitung für Belgien +++ |
|
|
|
Ein kalter Januarabend, ein volles Haus und ein Spiel, das erst nach dem Seitenwechsel so richtig Fahrt aufnahm - PRS Anderlecht besiegte am 3. Spieltag der 1. Liga Belgien die Tournai Royals mit 3:1 (0:1). 25.314 Zuschauer sahen, wie die Gastgeber nach einem schwachen Beginn Moral, Mut und eine ordentliche Portion Trotz bewiesen. Dabei hatten die Royals zunächst alles im Griff. Sie hielten den Ball, als ginge es um die letzte Orange im Winter, und nutzten in der 12. Minute eiskalt ihre erste richtige Chance: Mario Quaresma, 34 Jahre jung und offenbar mit einem Vertrag auf Lebenszeit für Traumtore ausgestattet, vollendete nach schöner Vorarbeit von Hanson Schermerhorn zum 0:1. "Ich hab’ einfach draufgehalten", grinste Quaresma später. "Bei dem Wetter fliegt der Ball ohnehin, wohin er will." Anderlecht hingegen suchte zunächst verzweifelt nach Linie und Timing. Trainer David Neumann gestikulierte wild an der Seitenlinie, als wolle er das Spiel mit bloßen Händen in die richtige Richtung drehen. "Wir waren zu brav, zu gemütlich", schimpfte er später. "Ich hab in der Kabine gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil und Schlamm an den Stutzen." Offenbar wirkte die Ansprache. Nach der Pause trat Anderlecht wie ausgewechselt auf. Zwar hatte Tournai weiterhin mehr Ballbesitz (54 Prozent), doch das interessierte niemanden mehr, denn die Hausherren schossen nun aus allen Lagen - 19 Mal insgesamt, während die Gäste nur vier Abschlüsse zustande brachten. In der 66. Minute fiel der verdiente Ausgleich: Rechtsaußen David Zaera, bis dahin mehr durch Fleiß als durch Finesse aufgefallen, traf nach einem abgefälschten Pass von Innenverteidiger Rafael Godino zum 1:1. "Rafa meinte danach, das sei ein geplanter Doppelpass gewesen", witzelte Zaera. "Ich sag’s mal so: Wenn das so geplant war, sollte er öfter planen." Tournai wirkte zunehmend ratlos, zumal Abwehrchef Kevin Block in der 86. Minute nach einem rustikalen Einsteigen die Rote Karte sah. Da stand es allerdings schon 2:1 - Ruben Demeulenaer hatte in der 78. Minute nach einer Ecke und Zaeras Kopfballvorlage humorlos eingenickt. Der Innenverteidiger, der kurz zuvor eingewechselt worden war, strahlte danach wie ein Lotto-Gewinner. "Ich wollte eigentlich hinten dichtmachen", lachte er, "aber wenn der Ball so schön kommt, wär’s ja unhöflich, ihn nicht zu nehmen." Den Schlusspunkt setzte Manuel Costinha in der 88. Minute mit einem satten Linksschuss nach Vorlage des eingewechselten Bruno Fernandes. Der Treffer war so sehenswert, dass der Stadionsprecher sich prompt verhaspelte und den Namen gleich zweimal ankündigte. Costinha nahm’s gelassen: "Ich wollte nur sicherstellen, dass meine Mutter vorm Fernseher auch hört, dass ich’s war." Die Gäste aus Tournai, die lange klug und diszipliniert agierten, verloren in der Schlussphase völlig die Ordnung. Trainer Philippe Lenoir (so stellte er sich nach dem Spiel selbst vor, obwohl sein Name in keiner offiziellen Aufstellung auftauchte) seufzte: "Wenn man in Anderlecht führt, sollte man nicht glauben, man sei schon in Brüssel durch." Statistisch gesehen war’s ein kurioses Spiel: Mehr Ballbesitz und Passsicherheit bei den Royals, aber die klareren Chancen bei Anderlecht. Der Unterschied lag wohl in der Entschlossenheit - und vielleicht in Neumanns Halbzeitkaffee. "Wir sind offensiv geblieben, auch als’s weh tat", resümierte der Trainer. "Und heute hat sich Mut gelohnt." Während die Fans noch jubelten, tanzte ein kleiner Junge im Anderlecht-Trikot auf dem Rasen und rief: "Papa, wir haben sie gegrillt!" - eine treffende Zusammenfassung des zweiten Durchgangs. Am Ende stand ein verdienter 3:1-Heimsieg, der zeigt: Auch wenn Statistiken glänzen können - Tore glänzen heller. Und manchmal braucht es nur eine laute Kabinenansprache, ein bisschen Trotz und einen Zaera, der weiß, dass man das Glück manchmal einfach anschießen muss. Ein sarkastischer Beobachter auf der Pressetribüne brachte es schließlich auf den Punkt: "Anderlecht spielt wie Belgisches Wetter - erst trüb, dann stürmisch, und am Ende kommt doch noch die Sonne raus." 21.02.643987 17:00 |
Sprücheklopfer
Kritik macht mich nur noch stärker. Wenn mich in Dortmund von 55 000 Zuschauer 50 000 hassen, mir am liebsten ein Bein abhacken würden, mich mit 'Arschloch' begrüßen, dann fühle ich mich wie Arnold Schwarzenegger gegen den Rest der Welt. Das ist geil für mich.
Mario Basler