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Es war einer dieser Abende, an denen sich David gegen Goliath wappnet - nur dass David, in diesem Fall RCS Vise, die Schleuder zu Hause vergessen hatte. Vor 26.681 Zuschauern im Stade de la Cité verteigte PRS Anderlecht am 22. Spieltag der belgischen Erstliga eindrucksvoll seine Favoritenrolle und gewann mit 2:0 (0:0). Zwei Treffer binnen zehn Minuten reichten den Gästen, um aus einem Geduldsspiel eine klare Angelegenheit zu machen. Die erste Halbzeit ließ sich allerdings eher wie ein Workshop in Geduld und vergebenen Chancen an. Anderlecht spielte, passte, kombinierte - und schoss. Ganze 22 Mal zielten die Lila-Weißen aufs Tor, trafen aber lange Zeit nur das Fangnetz oder die Nerven der Heimfans. "Ich dachte, wir brauchen heute eine zweite Halbzeit mit Flutlichtverlängerung", scherzte Gästecoach David Neumann später. Vise stemmte sich mit jugendlicher Leidenschaft gegen die Übermacht. Trainer Fonsi Glover hatte seine Elf offensiv ausgerichtet, aber die Realität sah nach viel Abwehrarbeit aus. Der 17-jährige Torhüter Jorge Gallego wurde zum Liebling der Kurve: Er flog, hechtete und hielt, als ginge es um seine Abiturprüfung. Nur einmal in der 21. Minute wurde es richtig gefährlich, als Zvonimir Kujovic aus 18 Metern abzog - Gallego lenkte die Kugel mit den Fingerspitzen über die Latte. Dann kam Minute 15, und der Abend nahm für den jungen Robin Geldmeyer eine Wendung, die man aus Lehrbüchern über jugendlichen Übereifer kennt. Erst Gelb für ein rustikales Einsteigen, dann in der 60. Minute der zweite Karton - Gelb-Rot, Feierabend. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", murmelte er beim Abgang, während Coach Glover ihm tröstend auf die Schulter klopfte. "Robin hat Herz, manchmal etwas zu viel", kommentierte Glover später trocken. In Unterzahl hielt Vise noch fünf Minuten stand. Dann schlug Anderlechts Offensiv-Duo zu: In der 59. Minute vollendete Noe Garces nach feiner Vorarbeit von Ryan Carter zum 1:0. Der Jubel war fast erleichtert. Carter, der zuvor schon sechsmal am glänzend reagierenden Gallego gescheitert war, grinste nach dem Tor: "Ich habe Noe gesagt, wenn ich’s nicht mache, dann soll er wenigstens die Statistik retten." Zehn Minuten später belohnte sich Carter selbst. Nach einem präzisen Zuspiel von Valentin Rombaut tauchte er frei vor Gallego auf und schob eiskalt zum 2:0 ein. Der Treffer war das, was man in Brüssel wohl als Pflichttermin notiert hatte. Danach verwaltete Anderlecht das Spiel mit 65 Prozent Ballbesitz und einer Selbstverständlichkeit, die fast an Arroganz grenzte - aber eine charmante Arroganz, wie man sie nur vom Tabellenzweiten kennt. Vise kam in der Schlussphase noch zu zwei zarten Lebenszeichen: Robin Geldmeyer hatte vor seinem Platzverweis immerhin einen Schuss aufs Tor abgegeben (Minute 52), und in der Nachspielzeit probierte es der eingewechselte Luca Debeule noch einmal aus spitzem Winkel. Gästekeeper Jelle De Maere, der bis dahin vermutlich mehr Zeit hatte, den Mond zu betrachten als den Ball, durfte dabei endlich zeigen, dass er noch wach war. "Wir haben’s versucht, aber wenn du 35 Prozent Ballbesitz hast, ist das wie Schwimmen gegen die Strömung", meinte Glover nach dem Spiel. Sein Gegenüber Neumann konterte charmant: "Sie haben uns das Leben schwer gemacht - naja, zumindest in den ersten 45 Minuten." Auch statistisch war die Sache eindeutig: 22 Schüsse aufs Tor für Anderlecht, nur zwei für Vise. Die Zweikampfquote (58 zu 42 Prozent) unterstreicht das Bild eines Spiels, in dem die Gäste die Kontrolle nie verloren. Selbst die Verletzung von Rechtsverteidiger Domingo Zabaleta kurz nach seiner Einwechslung in der 54. Minute brachte keinen Bruch. "Ich hab mir nur den Schuh falsch gebunden", witzelte Zabaleta später - ehe er humpelnd in den Mannschaftsbus stieg. So blieb das Fazit eindeutig: Anderlecht spielte, Vise kämpfte, und am Ende setzten sich Routine und Effizienz durch. Für die Gastgeber bleibt immerhin das Kompliment, sich nicht hängen gelassen zu haben - und ein Torwart, der trotz zweier Gegentore zum besten Mann avancierte. Oder, um es mit Trainer Glover zu sagen: "Wir haben heute gelernt, dass Mut schön ist, aber Tore schöner sind." Und wer weiß - vielleicht bringt David beim nächsten Mal die Schleuder mit. 01.03.644000 09:43 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer