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Ein lauer Aprilabend in Cuenca, 36.066 Zuschauer, die Sonne versinkt hinter den Anden, und unten auf dem Rasen liefern sich Expreso Cuenca und Atletico Enelec ein Duell, das selbst die hartgesottenen Fans in den oberen Rängen von den Sitzen riss. Am Ende triumphieren die Gäste mit 3:2 (2:2), weil Owen Ross in der 86. Minute den entscheidenden Punch setzt - eiskalt, britisch präzise, während Cuenca noch überlegte, ob man sich schon auf das Remis freuen dürfe. Das Spiel begann mit offenem Visier. Beide Teams suchten früh den Weg nach vorn, 14 Torschüsse auf jeder Seite belegen das eindrucksvoll. Expreso-Trainer Dierk Nordi hatte seine Mannschaft offensiv eingestellt, doch schon in der 17. Minute klingelte es im eigenen Netz: Linksverteidiger Jaime Nani (!) - normalerweise eher für rustikale Grätschen bekannt - traf nach Vorarbeit von Ross zum 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Nani später. "Aber wenn der Ball mal gehorcht, sage ich nicht nein." Die Antwort Cuencas kam prompt. Nur vier Minuten später verwandelte Stürmer Oliver Stanton nach schöner Vorarbeit des umtriebigen Levi Shitrit zum Ausgleich. Das Stadion bebte, die Trommeln hämmerten, und sogar der Stadionsprecher klang, als wolle er selbst noch aufs Feld. Doch die Euphorie hielt nicht lange. In der 29. Minute traf Ross selbst - ein klassischer Ross-Moment: schneller Antritt, kurzer Haken, langer Fuß. Torwart Vincent Mascarenhas (18 Jahre jung, mutig wie ein Erwachsener) streckte sich vergebens. 2:1 für Enelec, Jubel auf der Gästebank. Cuenca aber ließ sich nicht abschütteln. In der 43. Minute zauberte Francisco Chalana den Ball nach einer butterweichen Vorlage von Shitrit ins Eck - 2:2. Halbzeit. "Ich habe Levi nur zugerufen: Wenn du ihn siehst, spiel ihn flach!", erzählte Chalana später lachend. Shitrit grinste: "Ich hab nichts gehört, aber es hat ja geklappt." Nach der Pause wurde das Spiel zäher, die Kräfte schwanden. Enelec hatte etwas mehr Ballbesitz (52,5 Prozent), Cuenca rannte mehr, aber nicht immer klüger. Der 17-jährige Xavi Dominguez sah Gelb, weil er im Eifer des Gefechts beinahe die Eckfahne umgegrätscht hätte - ohne Ball. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", meinte er hinterher kleinlaut. Die Minuten verrannen, beide Teams suchten den Lucky Punch. Nordi gestikulierte wild an der Seitenlinie, während Enelec-Coach (der Name blieb geheimnisvollerweise ungenannt, was in der Liga schon fast Folklore ist) ruhig blieb, als wüsste er, dass sein Team noch einmal zuschlägt. Und tatsächlich: In der 86. Minute kam der Moment des Abends. Theofanos Machlas, bis dahin eher unauffällig, schickte Ross steil. Zwei Schritte, ein Schuss - 3:2. "Ich dachte kurz, ich sei im Abseits", sagte Ross nach dem Spiel. "Aber der Linienrichter hat mich wohl gemocht." Der Jubel kannte keine Grenzen, während Cuenca alles nach vorne warf - inklusive Torhüter Mascarenhas, der in der Nachspielzeit fast per Kopf traf. Die Statistik bescheinigt Cuenca ein Spiel auf Augenhöhe: 14 Torschüsse, 47 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote knapp über 50 Prozent. Doch am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Effektivität schlägt Enthusiasmus. "Wir haben gekämpft, aber Fußball ist kein Wunschkonzert", murmelte Trainer Nordi nach Schlusspfiff und verschwand in der Kabine. Für Atletico Enelec hingegen war es ein Sieg mit Signalwirkung. Ross, der doppelte Torschütze, wurde von seinen Mitspielern gefeiert, als hätte er die Meisterschaft entschieden. Nani, der ungewöhnliche Torschütze vom Dienst, grinste: "Wenn sogar ich treffe, dann läuft’s." Und während die Fans von Cuenca noch die leeren Becher stapelten, hallte von der Gästetribüne ein letzter Gesang durch das Stadion - keine Hymne, sondern das sonore Brummen des Zufriedenseins. Enelec nimmt drei Punkte mit, Cuenca bleibt nur der Applaus für eine beherzte Vorstellung. Am Ende, so könnte man sagen, war es eines jener Spiele, die der Fußball liebt: unberechenbar, lebendig, ein bisschen chaotisch. Oder, wie es der junge Agemar Blanco nach seiner Gelben Karte in der 95. Minute selbstironisch zusammenfasste: "Ich wollte Geschichte schreiben - hat leider nur fürs Notizbuch gereicht." Vielleicht ist das die schönste Wahrheit dieses Abends: Wer so verliert, hat trotzdem gewonnen - an Erfahrung, an Geschichten, und an der Gewissheit, dass ein 3:2 manchmal mehr erzählt als jedes taktische Lehrbuch. 11.01.643997 17:25 |
Sprücheklopfer
Der Jürgen ist ein Weltmann. Er war ja immer ein Gegenpool zu mir.
Lothar Matthäus über Jürgen Klinsmann