// Startseite
| Sporski Journal |
| +++ Sportzeitung für Serbien +++ |
|
|
|
Es war ein kalter Februarabend in Belgrad, aber auf dem Rasen des Stadions von Selen Belgrad brannte das Feuer: 36.917 Zuschauer sahen einen jugendlichen Orkan aus Banja Luka, der alles mitriss, was sich ihm in den Weg stellte. Am Ende stand ein deutliches 1:4 auf der Anzeigetafel - und die Erkenntnis, dass die Zukunft des serbischen Fußballs vielleicht schon einen Namen hat: Marko Jovanovic und Zvonimir Trkulja, beide 19, spielten die Gastgeber phasenweise schwindelig. Schon in der ersten Minute deutete sich an, wohin die Reise gehen würde. Trkulja prüfte Selen-Keeper Nebojsa Jevtic früh, und von da an rannte Banja Luka unermüdlich über die Flügel. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", erklärte Belgrads Trainer Hans-Jürgen Strohmeier mit einem gequälten Lächeln, "aber irgendwie verstanden meine Jungs ’kompakt’ wohl als ’kuschelig’." Nach einer halben Stunde war der Widerstand gebrochen: In der 28. Minute bediente der flinke Alfie Perlman den unaufhaltsamen Trkulja, der eiskalt zur Führung einschob. Nur vier Minuten später tat es ihm Jovanovic gleich - nach Vorarbeit von Joel McLeod - und traf zum 0:2. Die 19-jährigen Flügelstürmer tanzten, passten, lachten - und Selen Belgrad sah aus, als würde es lieber irgendwo anders sein. Die Gastgeber wehrten sich kurzzeitig, als Salvatore Girardi in der 36. Minute nach einem feinen Pass von Manuel Jorge den Anschluss erzielte. Es war ein Moment, in dem das Stadion kurz aufblühte - so wie ein altes Radio, das plötzlich wieder Musik spielt. "Da dachte ich, jetzt kippt das Spiel", sagte Girardi später. "Leider war’s nur ein kurzer Traum." Denn kurz vor der Pause, in der 45. Minute, traf Marko Tosic zum 1:3 - vorbereitet von, natürlich, Trkulja. Der Halbzeitpfiff kam für Strohmeiers Team wie eine Gnadenfrist. In der Kabine soll der Trainer laut geworden sein. Ein Spieler, der namentlich nicht genannt werden wollte, verriet: "Er hat gesagt, wir sollen endlich Fußball spielen und nicht Touristenführungen über den Rasen machen." Doch auch nach der Pause wurde es nicht besser. Banja Luka blieb stabil, spielte weiter mit einer bemerkenswerten Mischung aus Coolness und Aggressivität. 54 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüsse - das war nicht Zufall, sondern System. Trainer Stojko Blombovic hatte sein Team perfekt eingestellt: "Wir wollten über die Flügel kommen, weil Selen dort zu langsam ist. Und offenbar hatten wir recht", grinste er nach dem Spiel. In der 71. Minute setzte Jovanovic den Deckel drauf. Sein zweites Tor des Abends war ein Lehrstück in Entschlossenheit: Ballannahme, kurzer Blick, Schuss - drin. Danach durfte er sich feiern lassen, während Strohmeier an der Seitenlinie in Gedanken schon die nächste Trainingseinheit plante. Die Schlussphase verlief unspektakulär, sieht man von einer Reihe harmloser Torschüsse Belgrads ab, die mehr den Balljungen als den gegnerischen Keeper beschäftigten. Milos Kujovic versuchte es gleich dreimal in den letzten 20 Minuten, aber es blieb beim Versuch. Auch die Einwechslungen - David Hennessy nach Poulsens Verletzung (44.), Oscar Meissner (74.) oder Juanito Santoy (78.) - brachten keine Wende. Gelbe Karten gab es reichlich: Manuel Jorge gleich in Minute zwei, dazu mehrere Banja-Luka-Spieler (Jovanovic, Lorenz, Reid, McLeod). "Das zeigt, dass wir auch kämpfen können", meinte Blombovic süffisant. Am Ende hallte der Applaus der mitgereisten Fans von Banja Luka durchs Stadion wie ein kleiner Triumphzug. Strohmeier dagegen verschwand kommentarlos im Spielertunnel, während Girardi sich noch Zeit nahm, ein paar Kindertrikots zu unterschreiben. "Solche Spiele tun weh", sagte er leise. "Aber vielleicht war das der Weckruf, den wir brauchten." Und während die jungen Wilden aus Banja Luka ausgelassen jubelten, schüttelte ein alter Ordner auf der Tribüne den Kopf und murmelte: "Früher war Belgrad eine Festung. Heute ist’s ein Selbstbedienungsladen." Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist aber auch einfach die Zeit gekommen für die Generation Trkulja & Jovanovic - zwei Teenager, die an diesem Abend die serbische Liga ein Stück weit aufmischten. Ein augenzwinkerndes Fazit? Selen Belgrad spielte "offensiv", wie es im Taktikblatt stand - aber wer offensiv verteidigt, braucht eben auch ein Netz hinter sich. Das hatten sie nicht. Dafür hatte Banja Luka Flügel. Und die flogen an diesem Abend höher, schneller und schöner. 10.06.643990 13:26 |
Sprücheklopfer
Ich will ja nicht sagen, dass der Job mich ausgesogen hat wie ein Vampir, aber selbst beim Essen daheim oder beim Zusammensein mit Freunden war ich geistig abwesend.
Berti Vogts