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Es war ein lauer Januarabend im Camp Nou, doch auf dem Rasen ging es alles andere als lau zu. 38.726 Zuschauer sahen ein Spiel, das man wohl am besten mit den Worten von SC‑Trainer Thomas Göstl zusammenfasst: "Wir haben uns selbst überholt - leider rückwärts." Espanyol Madrid zerlegte den großen Stadtrivalen SC Barcelona phasenweise in seine Einzelteile und siegte am Ende verdient mit 5:3. Schon nach vier Minuten stand es 0:2 - und das, obwohl Barcelona eigentlich offensiv begonnen hatte. Jorgen Hoiland, der 21‑jährige Norweger mit der Lässigkeit eines erfahrenen Torjägers, traf zweimal innerhalb von 60 Sekunden. Beim ersten Tor (3.) legte Meir Naot klug quer, beim zweiten (4.) half ihm der 19‑jährige Matthew Townsend mit einem perfekten Steilpass. Der Heimblock war noch beim Einpfeifen des Schiedsrichters, da stand es bereits hoffnungslos. Barcelona taumelte, Espanyol tanzte. "Ich musste gar nicht viel sagen", grinste Espanyol‑Coach Doc Zab später in die Kameras. "Die Jungs hatten einfach Spaß - und wenn sie Spaß haben, dann passiert sowas." Erst in der 22. Minute fand der SC Barcelona den Anschluss. Esteban Bernal, der später noch einmal treffen sollte, verwandelte nach feinem Zuspiel von Henri Celine zum 1:2. Hoffnung keimte auf - kurz. Denn Meir Naot (30.) und Matthew Townsend (41.) sorgten noch vor der Pause für klare Verhältnisse. 1:4 zur Halbzeit, und viele Fans griffen schon zum Pausenbier, als wäre das die einzige Rettung. "Wir haben uns in der Kabine angeschaut und gesagt: schlimmer kann’s nicht werden", erzählte Innenverteidiger Jose Pelayo später. "Da lag ich wohl falsch." Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, legte Espanyol wieder los. In der 50. Minute machte Hoiland seinen Dreierpack perfekt - wieder Naot als Vorlagengeber. 1:5, und die Gesichter auf der Tribüne sagten alles. Ein älterer Herr auf der Haupttribüne schüttelte nur den Kopf und murmelte: "Das ist nicht mehr mein Barcelona." Doch die Gastgeber gaben sich nicht völlig auf. Henri Celine, der bis dahin vor allem durch seine lauten Kommandos aufgefallen war, traf in der 53. Minute nach Vorarbeit von Cristobal Guillen und ließ immerhin kurz Hoffnung aufkommen. Göstl brachte den 17‑jährigen Antonio Perez für den glücklosen Xavier del Olmo - ein Zeichen für die Zukunft, wenn schon nicht für das Spiel. Perez wirbelte, rannte, stolperte - und bekam Szenenapplaus. In der 82. Minute durfte dann noch einmal gejubelt werden: Esteban Bernal erzielte nach einem Eckball von Pelayo das 3:5. "Wenigstens kein Debakel", meinte Bernal trocken nach Abpfiff. "Aber wenn du daheim drei Tore schießt und trotzdem verlierst, dann weißt du, dass was schiefgelaufen ist." In der Schlussphase wurde es noch einmal hitzig. Henri Celine, bis dahin einer der besseren Barcelonistas, sah in der 93. Minute glatt Rot - vermutlich Frust, vielleicht auch einfach Müdigkeit nach einem langen Abend in der Defensive. Trainer Göstl kommentierte lakonisch: "Er wollte wohl früher duschen." Statistisch war Espanyol in fast allen Belangen überlegen: 23 Torschüsse zu 8, 60 Prozent Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe und eine Leichtigkeit im Passspiel, die an die besten Tage des großen Rivalen erinnerte. "Wir haben uns heute selbst parodiert", gab Göstl zu. "Espanyol hat uns gezeigt, wie man mit Spielfreude Fußball spielt." Doc Zab sah das naturgemäß anders: "Das war kein Zauber, das war Arbeit. Und vielleicht ein bisschen Genie bei den Jungs vorne." Jorgen Hoiland grinste verschmitzt, als er gefragt wurde, ob er sich jetzt als Matchwinner fühle: "Ich fühle mich einfach gut. Drei Tore gegen Barcelona - das kann man mal machen." So endete ein Derby, das keines war, jedenfalls nicht in Sachen Spannung. Aber es war eines, das man so schnell nicht vergisst: jung, wild, fehlerreich - und mit Espanyol als lachendem Dritten im Kampf um die Vorherrschaft in der Stadt. Zum Schluss fasste ein Fan auf der Tribüne das Geschehen perfekt zusammen: "Barcelona hat gespielt, als würde es um nichts gehen - Espanyol, als ginge es um die Welt." Und vielleicht war genau das der Unterschied an diesem Abend. Ein Schlagabtausch mit acht Toren, zwei Gelben, einer Roten und reichlich Gesprächsstoff - das neue Jahr beginnt für Barcelona mit einem Kater, für Espanyol mit Champagnerlaune. 05.03.643987 19:10 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund