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Wenn 50.853 Zuschauer an einem kalten Januarabend ins Stadion strömen, erwarten sie Leidenschaft, Kampf - und wenigstens ein bisschen Hoffnung. Was die Fans der Nottingham Magpies am 4. Spieltag der 1. Liga England allerdings erlebten, dürfte ihnen noch länger im Magen liegen: ein 0:4 gegen Barrow AFC, das in seiner Deutlichkeit kaum Fragen offenließ. Schon nach zwei Minuten war der Abend eigentlich gelaufen. Barrows Routinier Thomas Hennessy, 31 Jahre und offenbar mit einem Wecker im Fuß, traf nach einem langen Ball von Innenverteidiger Thomas Fournier eiskalt zur Führung. "Ich dachte, ich sei noch im Aufwärmen", gestand Magpies-Keeper Antonio Jordao später mit einem gequälten Lächeln. Acht Minuten später, als die Heimfans gerade wieder zu Atem kamen, legte Hennessy nach - diesmal nach feinem Zuspiel von Mathieu Dierickx. 0:2 nach elf Minuten, und Trainer Christoffer Reedtz stand ratlos an der Seitenlinie, die Hände tief in der Manteltasche, als würde er auf einen verspäteten Bus warten. "Wir wollten über Ballbesitz Sicherheit gewinnen", erklärte Reedtz hinterher. Das klappte - zumindest statistisch. 48 Prozent Ballbesitz sind ja fast eine ausgeglichene Sache. Nur: Wenn der Ball nie in Richtung Tor kommt, hilft das wenig. Ganze zwei Torschüsse verbuchten die Magpies über 90 Minuten. Einer davon kam von Noach Van Keuren in der 25. Minute, ein Schuss, der eher an eine Rückgabe erinnerte als an eine ernsthafte Prüfung für Barrows Torwart George Beecroft. Barrow dagegen spielte, als hätten sie in der Kabine Espresso statt Elektrolytgetränke gereicht bekommen. 16 Torschüsse, davon vier im Netz - und das, obwohl Trainer Ingo Königs zur Pause gleich drei frische Kräfte brachte. "Wir wollten das Tempo hochhalten, die Jungs sollen Spaß haben", grinste Königs, der nach dem Spiel aussah, als hätte er gerade eine Pokalnacht gewonnen. Spaß hatten vor allem die Youngster. Der 19-jährige George Monroe, zur zweiten Halbzeit eingewechselt, traf in der 52. Minute nach klugem Doppelpass mit Owen Gage zum 0:3. Eine Szene, die jeder Jugendtrainer als Lehrfilm verwenden könnte: Direktspiel, Laufweg, Abschluss - perfekt. Monroe legte später sogar noch nach, in der 85. Minute, wieder nach Vorlage von Dierickx. Der Teenager riss die Arme hoch, grinste in den Nachthimmel und rief - laut Lippenleser auf der Tribüne - einfach nur: "Unbelievable!" Während Barrow jubelte, trudelte Nottingham immer tiefer in seine eigene Verunsicherung. Kapitän Morgan Sterling sah in der 40. Minute Gelb, kurz darauf erwischte es auch Stürmer Noe Yago und später gleich zwei weitere Magpies. Vier Gelbe insgesamt - und keine Spur von Aufbäumen. "Das war Frust, purer Frust", sagte Mittelfeldmann Brent Demeulenaer, der selbst in der 83. Minute verwarnt wurde. "Manchmal willst du einfach nur irgendwas treffen - notfalls den Gegner." Die Zuschauer quittierten das Geschehen mit galligem Humor. "Können wir Barrow ausleihen? Die scheinen zu wissen, wie Fußball geht", rief einer aus der Nordkurve. Ein anderer schlug vor, die Magpies sollten "wenigstens für den Ballbesitz einen Punkt bekommen". In der Schlussphase passierte das, was bei solchen Spielen fast zwangsläufig geschieht: Barrow schaltete einen Gang zurück, Nottingham traute sich nach vorn - und verlor prompt den nächsten Ball. Königs winkte ab, Reedtz blickte starr auf die Anzeigetafel. "0:4 - das ist eine Zahl, die man nicht schönreden kann", sagte der Magpies-Trainer nach dem Schlusspfiff. "Aber wir haben Charakter gezeigt." Woraufhin ein Reporter trocken nachlegte: "In welcher Minute?" Reedtz lächelte dünn. Barrow hingegen feierte seinen zweiten Auswärtssieg in Folge und schob sich mit spielerischer Leichtigkeit ins obere Tabellendrittel. "Wir haben offensiv gedacht, defensiv gearbeitet und uns belohnt", bilanzierte Königs. Und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: "Wenn meine Jungs so weitermachen, muss ich bald gar nichts mehr coachen." So endete ein Abend, der für Nottingham wie ein Albtraum begann und wie ein Lehrstück über Effektivität endete. 16:2 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Barrow war in jeder Hinsicht die bessere Mannschaft. Zum Abschied applaudierten die Barrow-Fans ihren Helden, während die Magpies-Spieler wortlos in der Kabine verschwanden. Nur Torhüter Jordao drehte sich noch einmal um und winkte ins Rund. Vielleicht als Entschuldigung. Oder als stilles Versprechen, dass es irgendwann besser wird. Doch an diesem Abend galt nur eines: Barrow spielte Fußball. Nottingham stand dabei. 04.03.643987 19:07 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund