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Ein kalter Donnerstagabend im März, Flutlicht über dem kleinen Stadion von Weiler im Allgäu, 12.488 Zuschauer atmen den Nebel ein und hoffen auf ein kleines Fußballwunder. Am Ende trennten sich Weiler im Allgäu und der Chemnitzer FC mit einem 1:1 - ein Ergebnis, das sich wie ein Sieg für die Gastgeber anfühlte. Und das lag an einem Jugendlichen mit Namen Ben Meister, der mit 17 Jahren plötzlich die Bühne für sich entdeckte. Von Beginn an spielten die Allgäuer mutig, fast trotzig. Trainer Mino Raiola - ja, der Mino Raiola, der früher Stars managte und nun offenbar im Nebel des Allgäus seine neue Berufung gefunden hat - ließ seine Jungs offensiv anlaufen. Linus Berger prüfte den Chemnitzer Keeper Sigvard Mattson schon in der siebten Minute, und das Publikum schien zu ahnen, dass hier heute was gehen könnte. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können und nicht nur Käse exportieren", grinste Berger später. Chemnitz dagegen wirkte zunächst etwas überrascht von der Energie der Hausherren. Zwar hatten sie mit Trainerin Beate Merkel eine akribische Strategin an der Seitenlinie, doch ihre Offensivformation sah in der ersten Halbzeit eher nach Schach als nach Angriff aus. Ein paar harmlose Versuche über Joel Whitman (13.) und Isidoro Goncalves (70.) blieben die einzigen echten Lebenszeichen der Sachsen, bis Maurizio Franchi in der 56. Minute plötzlich die Ordnung sprengte: Nach einer Ecke von Ricardo Hierro rauschte der 19-Jährige von links heran und drosch den Ball kompromisslos ins Netz - 0:1. Die Chemnitzer jubelten, als hätten sie gerade den Aufstieg klar gemacht, und Beate Merkel klatschte so energisch, dass ihr Tablet beinahe in die Coaching-Zone fiel. "Das war einstudiert", sagte sie nach dem Spiel stolz. "Nur schade, dass der Rest des Plans dann spontan improvisiert wurde." Denn was danach kam, war ein kleiner Auftritt für die Geschichtsbücher von Weiler. In der 60. Minute wechselte Raiola den 17-jährigen Ben Meister ein - angeblich mit den Worten: "Junge, mach was, sonst mach ich dich wieder raus." Zehn Minuten später tat Meister genau das: Er machte was. Nach einer butterweichen Flanke von Rechtsverteidiger Michel Hierro nahm er den Ball direkt und jagte ihn unter die Latte - 1:1. Das Stadion explodierte. Auf der Tribüne flogen Bierbecher, aber diesmal vor Freude. "Ich hab einfach draufgehauen", sagte Meister später, "ich wusste nicht mal, dass der Ball drin war, bis mich alle umgerannt haben." Weiler drückte danach weiter. 17 Torschüsse waren es am Ende - gegenüber nur fünf der Gäste. Der Ballbesitz? Fast ausgeglichen, 49,6 zu 50,3 Prozent. Nur die Effizienz blieb das alte Problem der Allgäuer: viele Chancen, wenig Zählbares. "Das ist unser Markenzeichen", witzelte Kapitän Robin Born, "wir schießen oft, aber ungern ins Tor." Chemnitz schwächte sich in der 81. Minute selbst, als Rechtsverteidiger Carlos Ramiro nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot sah. Merkel gestikulierte wild, doch ihre Mannschaft brachte das 1:1 über die Zeit - mehr war mit zehn Mann nicht drin. "Wir haben das Ergebnis verwaltet", fasste sie trocken zusammen. Auf Nachfragen, ob sie mit dem Punkt zufrieden sei, antwortete sie: "Kommt drauf an, ob Sie aus Chemnitz oder aus Weiler kommen." Raiola dagegen zeigte sich nach Schlusspfiff fast väterlich: "Ben hat heute gezeigt, dass Fußball keine Frage des Alters ist, sondern des Mutes. Und ich hab ihn ja auch erfunden." Der Satz löste schallendes Gelächter aus, nicht zuletzt bei Ben selbst, der in der Mixed Zone mit glühenden Wangen stand und aussah, als hätte er gerade den Mount Everest bestiegen. So endete ein Spiel, das mehr Emotion als Präzision bot - aber genau deshalb in Erinnerung bleiben wird. Weiler im Allgäu gegen Chemnitzer FC: ein Duell zwischen jugendlichem Mut und sächsischer Routine, zwischen 17-jährigem Glück und 20-jährigem Leichtsinn. Und irgendwo dazwischen stand der Fußball - jener launische Freund, der manchmal beschließt, dass Gerechtigkeit doch ein hübsches Ergebnis ist. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn der Bub so weiterspielt, kriegt er bald seinen eigenen Käse." Vielleicht heißt er dann "Ben Meister - mild, aber treffsicher". 07.07.643993 08:36 |
Sprücheklopfer
Wie immer, wenn man Koffer packt, ist das alles nicht so spaßig, Hemden zusammen legen oder Hosen. Vor allem, wenn die eigene Frau nicht dabei ist.
Rudi Völler