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Es war ein lauer Märzabend in Diarbakir, 26.457 Zuschauer füllten das Stadion, und schon nach fünf Minuten war die wichtigste Geschichte des Abends geschrieben. Andrej Nemec, gerade einmal 20 Jahre alt und offenbar ohne jede Scheu vor feindseliger Atmosphäre, nahm einen Pass von Linksverteidiger Eray Karaer auf, zog aus zwanzig Metern ab - und ehe Torwart Frank Maass die Arme ordentlich sortiert hatte, zappelte der Ball im Netz. 0:1 für Besiktas, und das sollte es auch bleiben. Trainer Jon Dpunkt, der später mit verschmitztem Grinsen erklärte, "wir wollten früh zeigen, dass wir wach sind - und danach möglichst nie wieder", hatte damit seine defensive Marschroute bestätigt. Seine Mannschaft zog sich nach dem Führungstreffer geschlossen zurück, stellte die Räume zu und ließ Diarbakirspor weitgehend ins Leere laufen. Dabei war den Gastgebern der Wille nicht abzusprechen. Abdi Ergüns Team hatte mit 50,8 Prozent sogar leicht mehr Ballbesitz, kombinierte gefällig durch das Mittelfeld, doch sobald es gefährlich werden sollte, stand irgendwo ein Besiktas-Bein im Weg. "Wir spielen uns schön zu Tode", fluchte Kapitän Jacob Blais nach einer vergebenen Chance in der 31. Minute, als Taylan Kuru aus halblinker Position den Ball über das Tor jagte. Besiktas blieb effizienter. Antonio Conti, der 19-jährige Italiener im Sturm, prüfte Maass gleich dreimal in der ersten Halbzeit (27., 33., 44.), doch der Oldie im Diarbakir-Tor - stolze 49 Jahre jung - rettete mit stoischer Ruhe. "Ich habe Enkel in seinem Alter", witzelte Maass später über Conti, "da kann man schon mal einen Reflex mehr haben." Zur Halbzeit stand es 0:1, und es wurde kein Tor mehr dazukommen. Nach dem Wiederanpfiff brachte Dpunkt den jungen Afanasi Majorow für Jeno Nyilasi - frische Beine für das Zentrum, aber keine Veränderung am Spielplan. Besiktas blieb defensiv, wartete ab, lauerte. Diarbakirspor mühte sich weiter, doch oft wirkten ihre Angriffe wie ein Puzzle mit fehlendem Mittelteil. Iker Penas traf kurz vor der Pause nur das Außennetz, Rafet Akin zielte in der 66. Minute zu zentral, und in der Schlussphase (79. und 87.) versuchte es Christos Leontiou gleich zweimal - beide Male hielt Koray Martin im Besiktas-Tor sicher. Auf der anderen Seite hätte Nemec (69., 77.) fast nachgelegt, doch diesmal fehlte die Präzision. Esteban Carvalho setzte in der Nachspielzeit noch einen Schuss aufs Tor - mehr als ein Schuss für die Statistik war es nicht. Besiktas verbuchte am Ende 13 Schüsse aufs Tor, Diarbakirspor sieben. Auch in den Zweikämpfen lag das Team aus Istanbul leicht vorn (52,8 Prozent). Die Zahlen spiegelten das Bild eines Spiels, das von Cleverness auf der einen und Verzweiflung auf der anderen Seite geprägt war. "Wir haben uns an die eigene Nase gefasst - und festgestellt, dass sie nicht lang genug war, um an den Ball zu kommen", sagte ein sichtlich genervter Trainer Ergün nach dem Abpfiff. Sein Gegenüber Dpunkt dagegen war zufrieden: "Wir wollten kein Spektakel, sondern Punkte. Wir haben beides nicht verloren." Einziger Schönheitsfehler für die Gäste: Harrison Nolan sah kurz vor Schluss (78.) Gelb, nachdem er Penas an der Seitenlinie etwas zu herzlich begrüßt hatte. Dpunkt kommentierte trocken: "Er wollte ihm nur den Weg zeigen - leider zu spät." So blieb es beim frühen 0:1, einem Ergebnis, das Besiktas-Trainer in die Kategorie "Arbeitssieg" einordnen und Feuilletonisten als "Meditation über die Kunst des Minimalismus" beschreiben würden. Diarbakirspor dagegen startet mit einer Niederlage in die Saison, die weh tut, weil sie so vermeidbar schien. "Manchmal reicht ein einziger Moment, und die Geschichte ist erzählt", sagte Blais beim Hinausgehen. Neben ihm schüttelte der junge Ferdi Sargun den Kopf: "Wenn du 85 Minuten lang besser aussiehst, aber trotzdem verlierst - das fühlt sich an wie ein schlechter Witz." Trotzdem spendeten die Fans Applaus. Vielleicht, weil sie wussten: Es war kein schlechtes Spiel. Nur eines, das schon nach fünf Minuten entschieden war. Und irgendwo auf der Tribüne grinste vermutlich ein alter Fußballgott und murmelte: "Manchmal genügt ein Schuss." 11.11.643993 13:02 |
Sprücheklopfer
Wenn kein Sprit im Tank und die Birne leer ist, läuft nichts.
Rainer Calmund