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Wenn 35.343 Fans an einem lauen Maiabend ins Stadion strömen, dann liegt in Gdansk etwas in der Luft - und dies war am Samstagabend elektrischer als jede Hafenbeleuchtung. BKS Gdansk besiegte Polonia Warschau mit 3:2 und servierte dem Publikum ein Spiel, das irgendwo zwischen Achterbahn und Nervenklinik anzusiedeln war. Schon nach sieben Minuten bebte die Tribüne, als Sebastian Mencel einen Pass von Herman Kraft eiskalt verwertete. "Ich hab nur den Fuß hingehalten", grinste der 23-Jährige später, "aber ehrlich: Ich wusste gar nicht, dass der Ball so perfekt kam." Trainer Mike Matt schüttelte da nur den Kopf. "Sebastian hält nie einfach nur den Fuß hin. Der will immer das Netz neu spannen." Polonia, das eigentlich mit 61 Prozent Ballbesitz die Kontrolle wahren wollte, geriet früh aus dem Takt. Die Gäste spielten zwar gefällig, doch ihre Angriffe wirkten wie Opern ohne Schlussakkord. Und während Karol Brozek vorne fleißig, aber glücklos schoss (vier Torschüsse allein in der Anfangsviertelstunde!), setzten die Gastgeber auf Effizienz. In der 36. Minute rauschte Adam Wichniarek heran, sah das kurze Eck und traf - 2:0. Der Torjubel hallte bis zum Strand. "In der Pause hab ich den Jungs gesagt: Wenn ihr noch einmal so verteidigt, fahr ich selbst nach Hause", knurrte Polonia-Coach Oli Dudek. Seine Worte wirkten - halbwegs. Nach Wiederanpfiff legten die Warschauer deutlich zu, spielten gefälliger, kombinierten klug. In der 56. Minute war es dann der junge Sigmund Söderberg, 19 Jahre jung und mit dem Selbstvertrauen eines Straßenkickers, der nach feinem Zuspiel von Sergio Custodio das 2:1 markierte. Ein Tor, das Hoffnung brachte - und den Gästeblock explodieren ließ. Doch Gdansk wäre nicht Gdansk, wenn sie sich das Heimspiel hätten nehmen lassen. In der 71. Minute sorgte ausgerechnet der Jüngste für die Entscheidung: Domenik Ratajczyk, gerade einmal 17, zog nach Vorarbeit des Innenverteidigers Philip Gancarczyk ab - und der Ball zischte unhaltbar ins Eck. "Ich hab gar nicht nachgedacht, einfach geschossen", sagte Ratajczyk mit roten Wangen. Trainer Matt grinste: "Genau deswegen hab ich ihn gebracht. Der denkt nicht, der trifft." Nur drei Minuten später allerdings zitterte das Stadion erneut. Polonias Vincent Travassos - eigentlich linker Verteidiger - stürmte nach vorne, bekam den Ball von Leandro Eusebio und traf zum 3:2. "Da wollten wir es nochmal wissen", meinte Dudek nach dem Spiel. "Aber irgendwie war die Uhr schneller als wir." Die letzten zehn Minuten wurden zum Festival der verpassten Chancen. Mencel, Wichniarek, Brozek - alle durften noch einmal aufs Tor zielen, doch die Netze blieben still. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Gdansks Keeper Jerzy Bak auf die Knie, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. Statistisch war es ein Paradox: Polonia hatte mehr Ballbesitz, mehr Pässe, mehr Kontrolle - aber eben weniger Tore. BKS hingegen war ein Musterbeispiel an Effizienz: 18 Torschüsse, drei Treffer, zwei Aluminiumtreffer (laut Fans, nicht laut Statistik) und eine Gelbe Karte für Beniamin Szamotulski, der in Minute 66 den Ball und gleich den Gegner mit aus dem Spiel nahm. "Er hat sich halt in den Zweikampf verliebt", kommentierte sein Trainer trocken. Auch die Wechsel zur Stunde taten ihr Übriges: Matt brachte mit Jacek Majewski und Wladimir Burkhardt frische Beine, während Polonia trotz zunehmender Müdigkeit keine entscheidenden Impulse mehr fand. Nach dem Spiel standen die Spieler von BKS noch lange vor der Kurve. Mencel klopfte Ratajczyk auf die Schulter, während Wichniarek in die Menge rief: "So spielt man zu Hause!" Auf der Pressekonferenz blieb Matt nüchtern. "Wir haben gewonnen, ja. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich hätte lieber 61 Prozent Ballbesitz und drei Punkte." Dudek konterte mit einem müden Lächeln: "Wir hatten 61 Prozent Ballbesitz - und null Punkte. Vielleicht tauschen wir nächste Woche." Das Publikum ging zufrieden heim, viele wohl mit heiserer Stimme. Und irgendwo in den Katakomben summte ein Balljunge: "Gdansk ist wieder da." Vielleicht war das übertrieben - aber an diesem Abend fühlte es sich genau so an. Ein Spiel, das nicht perfekt war, aber genau deswegen großartig. Fußball eben - roh, wild und voller kleiner Geschichten, die man in keiner Statistik findet. Und wer weiß: Vielleicht reden sie in Gdansk noch in Jahren von diesem 3:2, das mehr Herzklopfen als Hochglanz bot. 23.08.644000 07:05 |
Sprücheklopfer
Wir haben zwei eigene individuelle Fehler bei den Toren gemacht.
Mario Basler