// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
An einem frostigen Samstagabend in Bochum erlebten 3885 Zuschauer ein Regionalliga-Spiel, das von allem etwas bot: jugendliche Unbekümmertheit, routinierte Nervenstärke und eine Prise Chaos, die wohl nur der Fußball selbst erklären kann. Am Ende trennten sich Blau Weiß Bochum und der FC Wusterwitz nach einem turbulenten zweiten Durchgang mit 2:2 - ein Ergebnis, das keiner so richtig wollte, aber beide wohl verdient hatten. Die erste Halbzeit war ein Lehrvideo in Sachen "Wie man Ballbesitz hat, aber keinen Schaden anrichtet". Bochum kombinierte gefällig, hielt den Ball zu 58 Prozent in den eigenen Reihen, doch vorne blieb es beim Versuch. "Wir haben schön gespielt, aber eben nicht gefährlich", meinte Bochums Mittelfeldmotor Marcel Turcotte später trocken. Wusterwitz dagegen lauerte, wie es sich für ein Team mit offensiver Ausrichtung gehört, auf Konter - und hatte durch den flinken Luca Philipp in der 34. Minute die beste Chance, die Keeper Christopher Lutz aufmerksam parierte. Nach dem Seitenwechsel wurde es dann endlich ein Fußballspiel mit Toren - und Emotionen. In der 51. Minute war es der erst 17-jährige Luca Philipp, der die Gäste in Führung brachte. Nach feinem Zuspiel des 18-jährigen Walther Buchholz zog Philipp aus halblinker Position ab und traf eiskalt ins lange Eck. Der Teenager stürmte jubelnd in Richtung Gästebank, wo Trainer Tom Fritz ihn lachend einfing. "Ich hab ihm gesagt, er soll einfach Spaß haben - jetzt muss ich aufpassen, dass er nicht abhebt", grinste Fritz später. Doch die Bochumer Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In der 62. Minute zeigte sich Rechtsaußen Philip Merz hellwach: Nach einem Abpraller schaltete er am schnellsten und drückte den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. Das Stadion tobte, und Merz ballte die Fäuste. "Ich dachte, der Torwart hat ihn, aber der Ball sprang mir direkt vor die Füße. Da konnte ich ja gar nicht anders", erklärte der 24-Jährige mit einem Augenzwinkern. Kurz darauf sah Tikhon Kapustin Gelb - wohl mehr aus Frust als taktischer Notwendigkeit -, und die Partie wurde ruppiger. Wusterwitz reagierte mit einem Doppelwechsel, brachte frische Beine und tatsächlich neuen Schwung. In der 75. Minute belohnte sich das Team aus Brandenburg: Der eingewechselte Johann Zander, eben erst auf dem Platz, traf nach feiner Vorarbeit von Johannes Kaiser zum 2:1. Der Gästeblock jubelte, Trainer Fritz ballte die Faust - doch wieder hielt die Führung nicht lange. Nur fünf Minuten später schlug Bochum zurück: Ralph Ritter, bis dahin eher unauffällig, zog nach Zuspiel von Kapustin aus 18 Metern ab - und traf sehenswert ins rechte Eck. 2:2, und das Spiel stand Kopf. "Ich wollte eigentlich flanken, ehrlich gesagt", gestand Ritter schmunzelnd nach Abpfiff. "Aber wenn’s so reingeht, beschwert sich keiner." In der Schlussphase entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, in dem Wusterwitz zwar mehr Torschüsse (12:7) verbuchen konnte, Bochum aber die ruhigere Kugel spielte. Die Gelbe Karte in der Nachspielzeit für Carl Schindler war sinnbildlich für die letzten Minuten: viel Einsatz, wenig Ertrag. Nach dem Abpfiff klatschten sich beide Teams fair ab - und wirkten gleichermaßen erleichtert wie ratlos. "Ich weiß nicht, ob wir zwei Punkte verloren oder einen gewonnen haben", sinnierte Bochums Trainer an der Seitenlinie, während Wusterwitz-Coach Fritz schon wieder über seine jungen Wilden lachte. Das Publikum verabschiedete die Mannschaften mit Applaus, wohl wissend, dass man an diesem Abend kein perfektes, aber ein ehrliches Spiel gesehen hatte. Es war ein 2:2, das so gar nichts mit Taktik-Tabellen oder Ballbesitzquoten zu tun hatte - sondern mit dem, was Fußball manchmal am besten kann: unberechenbar sein. Und irgendwo hinter der Haupttribüne sagte ein älterer Bochum-Fan beim Verlassen des Stadions: "Wenn die Jungs das nächste Mal so spielen, aber die Chancen nutzen, dann gewinn’se 5:2." - Sein Freund nickte und grinste: "Ja, oder sie spielen wieder 2:2. Ist ja auch Tradition hier." Ein gerechtes Remis also, gewürzt mit jugendlicher Frechheit, taktischer Balance und der Erkenntnis, dass Tore manchmal dann fallen, wenn man’s am wenigsten erwartet. Nur der Fußball kann sowas. 23.10.643987 21:55 |
Sprücheklopfer
Ich musste meine Jungs ins kalte Feuer werfen.
Klaus Toppmöller