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Es war ein frostiger Januarabend in Luzern, aber die 43.009 Zuschauer im Stadion hatten keinen Grund, zu frieren. Dafür sorgten zwei Teams, die sich am 5. Spieltag der 1. Liga Schweiz nichts schenkten. Blau-Weiss Luzern und Brühl St. Gallen trennten sich nach 90 intensiven Minuten 2:2 - ein Ergebnis, das niemanden so recht glücklich machte, aber alle irgendwie zufrieden stellte. Von Beginn an war Feuer drin. Schon nach wenigen Minuten prüfte Brühls Mittelstürmer Dennis Zimmermann den jungen Luzerner Keeper Robert Siebert - Schuss, Parade, Aufatmen. "Ich wollte ihm gleich mal zeigen, dass das heute kein Kindergeburtstag wird", grinste Zimmermann hinterher. Doch die Hausherren reagierten prompt: In der 16. Minute zappelte der Ball im Netz - Robert Locklear, der flinke Rechtsaußen, drückte nach Vorarbeit von Innenverteidiger Jean-Pierre Carey humorlos ein. 1:0. Der erste Jubelsturm fegte über die Ränge. Luzern, von Trainer Reinhard Wild wie immer auf "volle Offensive über die Flügel" getrimmt, blieb dran. Roger Römer, der 22-jährige Wirbelwind auf links, traf in der 40. Minute nach schönem Zuspiel von Julien Achard zum 2:0. Da durfte selbst der sonst so stoische Coach Wild kurz die Faust ballen. "Ich hab kurz gedacht, das wird heute ein entspannter Abend", sagte er später. "War es natürlich nicht." Denn St. Gallen antwortete postwendend. Kaum war der Torjubel verklungen, konterten die Ostschweizer mit chirurgischer Präzision: Vincent Jacobs spielte einen Steilpass auf Simon LaClaire, der in der 42. Minute eiskalt vollendete. Nur noch 2:1 - und plötzlich war wieder alles offen. In der Pause tauschte Gästecoach Thomas Sprecher seinen Torhüter - Henri Steffen musste raus, Jamie Henderson kam. Ein Zeichen: Brühl wollte nicht mehr reagieren, sondern agieren. "Wir wussten, dass Luzern hinten anfällig ist", erklärte Sprecher. "Also sind wir draufgegangen." Und tatsächlich: Nach einigen Verwarnungen auf beiden Seiten - Carey und später Bosingwa sahen Gelb - kippte das Spiel langsam. Brühl hatte nun mehr Ballbesitz (am Ende 52,8 Prozent) und wirkte entschlossener. In der 64. Minute war es dann soweit: Wieder Zimmermann, diesmal nach Vorlage des quirligen Luca Carey, netzte zum verdienten 2:2 ein. Ab da entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Luzern schoss weiter fleißig - am Ende zwölf Mal auf das gegnerische Tor -, doch die Präzision ging verloren, vielleicht auch die Kraft. Trainer Wild reagierte mit drei Wechseln: Barros, Born und der 18-jährige Debütant Franck Stock kamen. Letzterer räumte in der Innenverteidigung auf, als wäre er schon zehn Jahre dabei. "Ich hab einfach gemacht, was ich im Videospiel auch mache - nur ohne Pause-Taste", witzelte er nach Abpfiff. Die letzten Minuten waren nichts für schwache Nerven. In der 87. Minute zog Julien Achard noch einmal ab, aber Henderson fischte den Ball mit einer Flugeinlage aus dem Winkel. Auf der Gegenseite vergab LaClaire in der 90. Minute die Riesenchance zum Sieg - und schimpfte lautstark mit sich selbst. "Ich hab ihn schon drin gesehen", murmelte er später, "aber der Ball wollte wohl ins Museum statt ins Tor." Statistisch gesehen war das Remis gerecht: Luzern hatte leicht mehr Schüsse, St. Gallen mehr Ballbesitz, beide Mannschaften offensive Ausrichtung und reichlich Herzblut. "Ein Spiel mit zwei Halbzeiten", analysierte Sprecher trocken, "in der ersten waren wir Zuschauer, in der zweiten Regisseure." Sein Gegenüber Wild konterte: "Tja, manchmal reicht ein gutes Drehbuch eben nicht, wenn die Schauspieler am Ende müde werden." So blieb es beim 2:2 - einem Ergebnis, das für die Tabelle vielleicht wenig verändert, aber den Fans viel Gesprächsstoff liefert. Am Ausgang des Stadions hörte man einen älteren Luzerner murmeln: "Früher hätten wir das gewonnen." Sein Enkel antwortete: "Früher gab’s auch noch 90-Minuten-Kassetten." Man kann eben nicht alles konservieren - weder Musik noch Führungen. Ein Punkt für beide, ein Abend für die Erinnerung - und ein Spiel, das wieder einmal zeigt, warum Fußball die schönste Nebensache der Welt ist. 06.03.643987 09:20 |
Sprücheklopfer
Wer Erster ist, hat immer recht. Ich habe also recht. Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden.
Otto Rehhagel