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Es war ein Pokalabend, wie ihn selbst der abgebrühteste Fan nur im Märchenbuch erwartet - oder im Albtraum. Die Quebec Blues und die Windsor Astros lieferten sich im Viertelfinale ein episches Duell, das nach 120 Minuten, zwei Gelben Karten, unzähligen Nervenkrisen und einem Elfmeterkrimi schließlich mit 5:4 (0:1) für die Blues endete. 53.100 Zuschauer im ausverkauften "Stade de la Rivière" erlebten Fußball zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Zittern und Jubel. Dabei begann alles ganz klassisch: Windsor stand kompakt, Quebec stürmte drauflos, und schon nach einer halben Stunde machte Pekka Suhonen, Windsors eiskalter Finne im Sturm, das, was er am besten kann - Tore schießen. Nach einem wunderbaren Pass von Linksverteidiger Ranko Duljaj schob Suhonen in der 31. Minute trocken ein. "Ich habe nur den Wind gerochen und dann getroffen", grinste er später, als wäre das die einfachste Übung der Welt. Die Blues dagegen wirkten in der ersten Halbzeit wie eine Jazzband ohne Taktgefühl - viel Bewegung, wenig Harmonie. Trainer Gerd Froebe versuchte an der Seitenlinie, seine Spieler mit wilden Gesten zu dirigieren. "Ich wollte ihnen sagen, dass der Ball rund ist und das Tor eckig - aber sie wussten es offenbar nicht", kommentierte er nach dem Spiel trocken. In der Pause schien Froebe die richtigen Worte gefunden zu haben. Quebec kam zurück wie ein Boxer nach dem Gong. Besonders Lewis MacLaren, der bullige Schotte auf links, schien sich vorgenommen zu haben, den Ball notfalls mit purer Willenskraft ins Tor zu prügeln. In der 56. Minute gelang ihm genau das: Nach feiner Vorarbeit von Luís Morte drosch er den Ball humorlos unter die Latte - 1:1. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber er wollte einfach rein", sagte MacLaren und grinste so breit, dass man glaubte, er habe das Spiel alleine gewonnen. Danach entwickelte sich ein Schlagabtausch, bei dem das Publikum kaum zu atmen wagte. 15 Torschüsse der Blues, 18 der Astros - und jeder einzelne war ein kleiner Herzinfarkt. Besonders Suhonen schien sich vorgenommen zu haben, den Pokal im Alleingang zu gewinnen: Er schoss aus allen Lagen, aus der Luft, aus dem Halbdunkel, vermutlich sogar aus der Kantine. Doch Blues-Torhüter Martin Gontan war an diesem Abend die personifizierte Wand. "Ich dachte, der Ball wäre schon vorbei, aber dann war ich halt noch dran", sagte er bescheiden - und bekam von seinen Mitspielern ein Schulterklopfen, das fast zur Verletzung führte. In der Verlängerung verloren beide Teams langsam die Kontrolle - und die Geduld. Miguel Pelegrin sah in der 106. Minute Gelb, kurz darauf auch Milán Ivic für Quebec. "Das war kein Foul, das war eine Umarmung", kommentierte Ivic später augenzwinkernd. Windsor brachte frische Beine: Alain Prinz und Sebastien Bergen kamen, aber auch sie konnten das drohende Elfmeterschießen nicht verhindern. Und dann kam das Drama vom Punkt. Elfmeterschießen - dieser Moment, in dem Helden geboren und Karriereberater nervös werden. Claude Leclair eröffnete für Quebec mit einem eiskalten Treffer. Suhonen glich aus, MacLaren legte nach. Dann begann das Zittern: Windsor’s Aitor Eximeno scheiterte, während Luís Morte traf. Wieder Gage für Windsor - drin. Ivic machte’s 4:2. Dann der Moment der Erlösung: Nuno Antunes verschoss, aber Windsor konnte nicht nachlegen - Pelegrin setzte seinen Ball in den Nachthimmel von Quebec. Endstand: 5:4 nach Elfmetern. Die Blues im Halbfinale, die Astros am Boden - und alle Zuschauer um mindestens zehn Jahre gealtert. "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll", sagte Windsors Trainerin Nicole Kei nach dem Spiel. "Wir waren so nah dran, aber Fußball ist manchmal wie ein schlechter Witz - nur dass keiner lacht." Gerd Froebe dagegen hatte seine Stimme längst verloren. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen Geschichte schreiben. Dass sie gleich einen Thriller drehen, war nicht geplant." Ein Pokalabend für die Ewigkeit: Quebec tanzt weiter, Windsor tröstet sich mit dem Wissen, dass sie den Blues an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht haben. Und irgendwo in der Kabine summt MacLaren vermutlich schon: "Elfmeterschießen - mein Lieblingssport." So oder so: Der Pokal hat wieder einmal bewiesen, warum er der verrückteste Wettbewerb bleibt. Und die Blues? Die träumen jetzt vom Finale - mit Gontan als Wand, MacLaren als Rammbock und Froebe als Regisseur des nächsten Dramas. 05.04.644000 00:40 |
Sprücheklopfer
Wir sind zu stark um da unten wieder rauszukommen.
Klaus Toppmöller