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Ein kühler Märzabend, Flutlicht, 2.382 Zuschauer - und eine Sindelfinger Mannschaft, die nach 90 Minuten wohl froh war, dass Fußballspiele keine 100 dauern. Borussia Emsdetten feierte zum Auftakt der Verbandsliga J einen 4:0-Auswärtssieg, der so deutlich war, wie es das Ergebnis vermuten lässt - und vielleicht sogar noch schmeichelhaft für die Gastgeber. In der ersten Halbzeit durfte Sindelfingen noch hoffen. Zwar drängten die Gäste von Beginn an, feuerten Torschüsse wie aus einem Maschinengewehr (23 insgesamt!), doch Torwart Wilhelm Bruns hielt, was zu halten war, und manchmal auch das, was gar nicht zu halten war. "In der Pause hab’ ich kurz überlegt, ob ich mich klonen lassen soll", witzelte Bruns später mit sichtbarer Erschöpfung. Emsdetten hingegen agierte geduldig. Trainer Nico Wolf ließ seine junge Elf - Durchschnittsalter knapp über 19 - zunächst defensiv geordnet auftreten. Sein Plan war klar: den Gegner kommen lassen und dann mit Tempo zuschlagen. Und das taten sie. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte - mit Emsdettener Dominanz. In der 57. Minute platzte der Knoten: Davib Elliot, der unermüdliche Antreiber im Mittelfeld, fasste sich ein Herz und versenkte den Ball nach Vorarbeit von Xabi Panero unhaltbar in die lange Ecke. 1:0. Und während Sindelfingen noch sortierte, schlug Emsdetten drei Minuten später erneut zu - diesmal revanchierte sich Panero persönlich. Nach einem präzisen Zuspiel von Ricardo Quintana vollendete der Spanier zum 2:0. "Das war wie ein Doppelschlag beim Boxen - erst der linke Haken, dann der rechte", kommentierte ein Zuschauer aus der dritten Reihe, während er seine Stadionwurst nachdenklich kaute. Sindelfingen versuchte zu reagieren, brachte mehr Härte ins Spiel - was sich in einer frühen Gelben Karte für Robin Arnold (15.) schon angekündigt hatte. Doch spielerisch blieb das Team blass. Der einzige ernsthafte Abschluss gelang Torsten Paul in der 49. Minute - ein Schuss, der so harmlos war, dass Emsdettens Keeper Humberto Pauleta vermutlich mehr Mühe hatte, nicht einzuschlafen. Dann wurde es endgültig ein Festival in Schwarz-Gelb: Der quirlige Quintana bereitete in der 71. Minute das 3:0 durch Vicente Jorge vor - eine Kombination, so fein, dass man fast applaudieren musste, selbst als neutraler Beobachter. Fünf Minuten später, wieder Quintana als Vorlagengeber, diesmal für den eingewechselten Danilo Perri, stand es 4:0. Der 18-Jährige traf mit jugendlicher Kaltschnäuzigkeit und grinste danach: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn man jung ist, denkt man nicht so viel nach." Sindelfingens Trainer - der Name blieb an diesem Abend lieber hinter der Fassade des Schweigens verborgen - wirkte nach dem Spiel gefasst, fast philosophisch. "Manchmal ist der Ball eben rund - für die anderen", murmelte er, während er sich in Richtung Kabine verabschiedete. Statistisch gesehen war das Ganze eine klare Sache: 58 Prozent Ballbesitz für Emsdetten, 23 Torschüsse gegenüber einem einzigen der Hausherren. Selbst die Zweikampfquote sprach für die Gäste (58 zu 42 Prozent). Kurz gesagt: Borussia Emsdetten war in jeder Hinsicht eine Klasse besser. Trainer Wolf lobte dennoch die Disziplin seiner Mannschaft: "Wir wollten kompakt stehen, dann gezielt zuschlagen. Die Jungs haben das perfekt umgesetzt. Und Ricardo? Der war heute unser Dirigent - mit einer Gelben Karte als Taktstock." Quintana selbst nahm’s mit Humor: "Ich wollte eigentlich ein Tor schießen, aber Vorlagen geben macht ja auch Spaß. Und Gelb steht mir, hat meine Freundin gesagt." Für Sindelfingen heißt es nun: Mund abputzen, weitermachen. Für Emsdetten: Tabellenführung nach Spieltag eins und das Gefühl, dass da noch mehr möglich ist. Und so ging ein Abend zu Ende, an dem es nur eine Mannschaft gab, die wirklich spielte - und eine, die zuschaute. Die Zuschauer jedenfalls bekamen einiges geboten, selbst wenn die Heimfans wohl lieber früher nach Hause gegangen wären. Vielleicht war das schönste Symbol des Abends ein kleiner Junge auf der Tribüne, der nach dem vierten Tor rief: "Papa, warum schießen wir keine Tore?" Der Vater seufzte, lächelte und antwortete: "Weil die anderen einfach besser Fußball spielen, mein Junge." Ein Satz, der wohl auch in der Sindelfinger Kabine noch nachhallte. 11.11.643993 12:27 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn