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Es gibt Spiele, bei denen man sich fragt, ob der Anpfiff nicht gleichzeitig der Abpfiff hätte sein können. Der Freitagabend in Groß-Zimmern gehörte zweifellos dazu. 1847 Zuschauer sahen ein Lehrstück in Sachen Effizienz, Tempo - und Demut. Borussia Emsdetten fegte den FSV Groß-Zimmern mit 6:0 (4:0) vom Platz und hätte, ohne zu übertreiben, auch zweistellig gewinnen können. Schon nach vier Minuten war der Widerstand der Gastgeber eher symbolisch. Ignati Warlamow, 18 Jahre jung, eigentlich linker Verteidiger, schlich sich in den Strafraum, zog ab - und traf eiskalt zum 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der Teenager später. Sein Trainer Nico Wolf schüttelte am Spielfeldrand lachend den Kopf: "Wenn das so weitergeht, stelle ich ihn nächste Woche in den Sturm." Drei Minuten später klingelte es wieder, diesmal war Thomas Meister zur Stelle. Der 19-Jährige nutzte einen butterweichen Pass von Stanislav Brezinsky und schob zum 0:2 ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Groß-Zimmern den Ball kaum einmal kontrolliert, geschweige denn über die Mittellinie gebracht. Der FSV wirkte, als wolle er das Spiel lieber im Gedankenprotokoll abhaken. Brezinsky selbst erhöhte in der 16. Minute nach schöner Vorarbeit von Avi Hanegbi auf 0:3 - eine Kombination, so präzise, dass man fast vergessen konnte, dass hier Landesliga und nicht Champions League gespielt wurde. "Wir haben einfach Spaß am Ball", erklärte der 32-jährige Routinier später und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: "Vielleicht ein bisschen zu viel für die Gastgeber." Spätestens nach dem 0:4 durch den 17-jährigen Stilian Boschinow (28.) war die Partie entschieden - oder, um es mit einem Fan hinter dem Tor zu sagen: "Jetzt ist aber genug Training, Jungs!" Die Emsdettener kombinierten, passten, liefen - während der FSV Groß-Zimmern den eigenen Strafraum wie ein Bunker verteidigte, allerdings ohne Munition. Die Zahlen sprachen eine noch deutlichere Sprache: 22 Torschüsse für die Gäste, null - ja, null! - für das Heimteam. Ballbesitz 61 zu 39 Prozent, Zweikampfquote 61 zu 39. Für Statistikliebhaber ein Traum, für den FSV eine kleine sportliche Tragödie. "Wir haben heute viel gelernt", murmelte ein sichtlich gezeichneter Kapitän Phillip Döring nach Abpfiff. "Vor allem, dass man ohne Ball schwer ein Tor schießen kann." In der zweiten Halbzeit tat Borussia Emsdetten das, was gute Teams tun: Sie spielten konzentriert weiter, ohne überheblich zu werden. Julius Simon traf in der 62. Minute zum 0:5, erneut nach Vorarbeit von Brezinsky, der damit endgültig zum Mann des Abends wurde. Den Schlusspunkt setzte Mathias Hesse in der 79. Minute, ebenfalls nach einer Brezinsky-Vorlage - das halbe Dutzend war voll. Trainer Nico Wolf blieb nach dem Spiel erstaunlich nüchtern: "Klar, das Ergebnis freut mich. Aber wichtiger ist, dass die Jungs unsere Linie halten: ruhig bleiben, Chancen nutzen, keine Faxen." Auf die Frage, ob er seine Mannschaft nun als Aufstiegskandidaten sehe, lachte er: "Wenn sie weiter so spielen, muss ich bald Eintritt zahlen, um sie zu sehen." Auf der anderen Seite versuchte man Galgenhumor. "Das war heute nicht unser Tag", sagte ein erschöpfter Moritz Hofmann, Torwart des FSV. "Eigentlich wollte ich mich mal wieder auszeichnen - hat ja auch geklappt, aber leider in der Rubrik ’Ball aus dem Netz holen’." Die Zuschauer verabschiedeten beide Teams mit höflichem Applaus. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Anerkennung dafür, dass Groß-Zimmern trotz des Rückstands nie aufgab - zumindest nicht offiziell. Am Ende blieb ein Spiel, das in die Kategorie "zu deutlich, um spannend zu sein" fällt. Borussia Emsdetten spielte Landesliga-Fußball auf Oberliga-Niveau, während der FSV Groß-Zimmern einen Abend zum Vergessen erlebte. Oder, wie es ein älterer Fan auf der Tribüne trocken kommentierte, als das Flutlicht ausging: "Wenn wir schon kein Tor schießen, dann wenigstens pünktlich ins Bett." Ein 0:6, das lehrt: Fußball ist manchmal gnadenlos ehrlich - und Borussia Emsdetten an diesem Abend einfach zu gut. 05.01.643991 00:03 |
Sprücheklopfer
Ich brauche Spieler, die am Ball besser sind als am Mikro.
Otto Rehhagel