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Wenn ein Innenverteidiger des FC Southampton in der 17. Minute das erste Tor erzielt, ahnt man, dass der Abend ungewöhnlich werden könnte. Carles Ordono, sonst mehr für rustikale Klärungsaktionen bekannt als für filigrane Abschlüsse, traf nach einer Ecke per Kopf - und grinste später: "Ich dachte eigentlich, ich hätte den Ball verfehlt." Bournemouths Torhüter Samuel Cochran hingegen verzog keine Miene. Vielleicht hatte er geahnt, dass der Abend noch lang werden würde. Denn die Antwort der Gastgeber ließ nicht lange auf sich warten. Nur sieben Minuten später schickte der 35-jährige Connor Gayheart mit einem butterweichen Pass den pfeilschnellen Michael Baskin auf die Reise. Der 22-Jährige, halb Flügelstürmer, halb Rakete, sprintete die Linie entlang und versenkte den Ball humorlos ins lange Eck. 1:1 - und das Vitality Stadium bebte. "Ich hab’ einfach auf den Wind vertraut", witzelte Baskin später. "Und auf meine Füße." Danach entwickelte sich ein offenes Duell, in dem Bournemouth den Ton angab, während Southampton versuchte, in der Offensive Ordnung zu finden - oft vergeblich. 17:9 Torschüsse und 55 Prozent Ballbesitz zugunsten der Heimmannschaft sprechen eine deutliche Sprache. Trainer Raffael Vogelsang gestikulierte unermüdlich an der Seitenlinie, rief mal "ruhig bleiben", mal "alle Mann nach vorn!" - manchmal beides gleichzeitig. In der 49. Minute wurde seine Leidenschaft belohnt: Nach einer kurz ausgeführten Ecke nickte Bradley Roades eine Flanke von Innenverteidiger Harrison Barrymore ins Netz. 2:1 - und diesmal jubelte sogar der Linienrichter kurz, bevor ihm einfiel, dass das nicht seine Aufgabe ist. Southampton versuchte danach, den Druck zu erhöhen. Trainer Michael Böning brachte jungen Schwung: Liam Allington ersetzte in der 70. Minute den müde gewordenen Nicolaas Derrick, später durfte auch Charles Bail auf links ran. Doch die Gäste scheiterten immer wieder an Bournemouths kompaktem Mittelfeld, das wie eine Knetmasse zusammenhielt - formbar, aber nie zu durchdringen. Besonders der junge Leo McGowan (20) wirbelte und verteilte kluge Bälle, als würde er schon seit Jahren auf dieser Bühne spielen. In der 75. Minute wechselte Vogelsang doppelt: William Lansbury kam für den ausgepumpten Ethan Lankford, Ashton Millington ersetzte den Torschützen Roades. "Ich wollte frische Beine und neue Frisuren", erklärte der Coach trocken. Tatsächlich brachte Lansbury sofort Schwung, prüfte in der 89. Minute mit einem satten Schuss den eingewechselten Keeper Gabriel Clancy - der parierte glänzend. Southampton blieb dadurch bis zuletzt im Spiel, doch der Ausgleich wollte nicht mehr fallen. Zwei Gelbe Karten für die Saints - Leo Broderick (36.) und Carles Ordono (75.) - deuteten an, dass Frust die Kontrolle übernahm. Ordono schlug nach dem Spiel die Hände vors Gesicht: "Ich wollte den Ball treffen, ehrlich. Ich hab nur vergessen, wo der Ball war." Die Schlussphase glich einem Anrennen mit stumpfen Waffen: Viel Wille, wenig Präzision. Bournemouth verteidigte clever, Southampton rannte, Bournemouth konterte - und das Publikum genoss die Nervosität mit britischem Humor. Als der Schiedsrichter nach 91 Minuten abpfiff, sprangen die 36.201 Zuschauer auf, als wäre der Klassenerhalt gesichert. Trainer Vogelsang zeigte sich zufrieden, aber nicht überschwänglich: "Wir haben’s spannend gemacht, damit keiner früh nach Hause geht." Sein Kollege Böning suchte Trost in Philosophie: "Manchmal verlierst du ein Spiel, obwohl du’s eigentlich gar nicht spielst - der Ball schon." Statistisch gesehen war Bournemouth die klar bessere Mannschaft - mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote (53,7 %). Doch die wahren Zahlen stehen woanders: zwei Tore, drei Punkte, ein breites Grinsen über die ganze Südküste. Am Ende blieb nur ein Gedanke: Wenn selbst Innenverteidiger Tore schießen und 35-Jährige Assists geben, dann ist in dieser Liga alles möglich - außer Langeweile. Und irgendwo im Tunnel des Stadions soll man Connor Gayheart noch murmeln gehört haben: "Alt? Vielleicht. Aber meine Flanken haben noch Garantie." Ein Abend voller Tempo, Humor und leichter Verrücktheit - kurz gesagt: ein ganz normaler Fußballabend in Bournemouth. 15.07.643990 07:14 |
Sprücheklopfer
Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief's ganz flüssig.
Paul Breitner