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Ein kalter Januarabend in Bristol, 59.000 Zuschauer im Stadion - und die Bristol Pirates suchten verzweifelt nach einem Weg durch das blaue Bollwerk von Barrow AFC. Am Ende hieß es 1:1 (0:1), ein Ergebnis, das keiner so richtig wollte, aber beide wohl akzeptieren mussten. Barrow kam mit einer klaren Ansage: lange Bälle, schnelle Konter, keine Gnade. Und das funktionierte in der ersten Halbzeit erschreckend gut. Arnau Mascarenhas, der rechte Flügelflitzer mit dem Temperament eines Espresso-Doppels, war überall. In der 39. Minute war es dann soweit: Nach einer butterweichen Vorlage von Ari Lampi zimmerte Mascarenhas den Ball kompromisslos ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste er später, "und gehofft, dass keiner im Weg steht." Stand keiner. 0:1. Trainer Ingo Königs rieb sich an der Seitenlinie die Hände. "Genau so wollten wir das. Direkt, zielstrebig, unangenehm", raunzte er in der Halbzeitpause Richtung Presseriege - halb stolz, halb genervt von der Frage, ob das wirklich schöner Fußball sei. Die Pirates hingegen wirkten in der ersten Hälfte wie ein Schiff ohne Kompass. Zwar hatten sie mit 53 Prozent etwas mehr Ballbesitz, doch Barrow schoss häufiger aufs Tor - ganze 14 Mal im Spiel, während Bristol nur 8 Abschlüsse zustande brachte. Coach Phi Ung wirkte entsprechend unzufrieden: "Wir haben gespielt wie ein Orchester ohne Dirigent. Viel Bewegung, aber keine Melodie." Nach dem Wiederanpfiff wechselte Ung den glücklosen Everhart Derrick aus und brachte Hans Danielsen zurück - ein Zeichen, das Wirkung zeigte. Die Pirates wurden bissiger, das Pressing energischer, der Glaube kehrte zurück. In der 51. Minute prüfte James Smith erstmals ernsthaft Barrows Keeper George Beecroft - doch der wehrte mit einer Flugeinlage ab, die an einen fliegenden Teppich erinnerte. Dann die 60. Minute: Bradley Landry tankte sich zentral durch, legte quer auf - und ausgerechnet James Smith, der rechte Außenverteidiger, vollendete mit einem satten Schuss ins lange Eck. 1:1! Der Jubel im Stadion war ohrenbetäubend. "Ich bin ja eigentlich hinten dafür da, Tore zu verhindern", lachte Smith später, "aber manchmal weiß der Ball wohl einfach mehr als ich." Barrow reagierte wütend. Mascarenhas, Hennessy und Vazquez feuerten weiter aus allen Lagen, doch Pirates-Torwart Servet Kaloglu zeigte, warum er in Bristol längst Kultstatus genießt. Mit Reflexen, die an eine Mischung aus Katze und Trampolin erinnerten, hielt er das Unentschieden fest. In der Schlussphase flogen noch zwei Gelbe Karten - Maik Hase in der 50. und später auch Torschütze Smith in der 72. Minute. "Bei James war’s wohl die Euphorie, bei Maik eher der Adrenalinschub", kommentierte Phi Ung trocken. Barrow-Coach Königs brachte in der 72. Minute frische Flügel, um das Spiel noch einmal zu drehen, doch die Pirates verteidigten mit Zähnen und Klauen. In der 89. Minute hatte Thomas Hennessy noch die Riesenchance zum Sieg, aber sein Kopfball landete genau in den Armen von Kaloglu. Kurz darauf pfiff der Schiedsrichter ab - und beide Trainer schienen gleichzeitig erleichtert und frustriert. "Ein Punkt ist ein Punkt, aber wir hätten drei verdient gehabt", grummelte Königs. Phi Ung konterte mit einem breiten Grinsen: "Wir auch." Statistisch gesehen war alles eng: 53,6 Prozent Ballbesitz für die Pirates, 46,4 für Barrow. Doch die Gäste hatten die klareren Chancen, mehr Schüsse, mehr Zug zum Tor. Bristol dagegen lebte von Leidenschaft und Mut - und vielleicht auch ein bisschen Glück. Im Kabinengang hörte man noch, wie James Smith seinem Trainer zuraunte: "Wenn Sie mich jetzt öfter vorne lassen, mach ich nächste Woche wieder eins." Ung antwortete ohne Umschweife: "Dann spielst du Verteidiger des Monats." So endete der 20. Spieltag in der 1. Liga England mit einem Schlagabtausch, der alles bot - außer einen Sieger. Die Bristol Pirates bleiben mit dem 1:1 im Mittelfeld stecken, Barrow AFC verliert zwei Punkte, aber wohl keine Gesichter. Und während der Wind über das Stadion fegte, sagte ein Fan beim Hinausgehen trocken: "Wenn das noch romantischer wird, heirate ich meine Dauerkarte." Nun ja - Fußball in Bristol bleibt eben Herzenssache. 07.09.643987 14:51 |
Sprücheklopfer
Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex.
Jürgen Klinsmann